SPD-Zukunftswerkstatt in Leipzig: Bas setzt auf Sozialstaat als Allheilmittel
SPD in Leipzig: Bas setzt auf Sozialstaat als Allheilmittel

SPD-Zukunftswerkstatt in Leipzig: Bas setzt auf Sozialstaat als Allheilmittel

Die SPD sucht nach ihrer Zukunft – und findet dabei vor allem den Sozialstaat. Am Samstag trafen sich rund 300 sächsische Sozialdemokraten im Leipziger Helmholtz-Zentrum zu einem sogenannten Debattencamp unter dem Motto „Sachsen 2040“. Doch während der Blick eigentlich in die Zukunft gerichtet sein sollte, dominierte die Gegenwart mit ihren Problemen die Diskussion.

Alarmierende Wahlergebnisse beschäftigen Bas

Zu Gast war auch SPD-Bundesvorsitzende Bärbel Bas. Die 57-jährige Duisburgerin machte deutlich, dass ihr das jüngste Wahlergebnis aus Baden-Württemberg noch immer zu schaffen macht. „Das Ergebnis steckt mir noch in den Knochen“, gestand sie vor den Genossen. „Wenn nur noch fünf Prozent der Arbeiter SPD wählen, dann schmerzt das.“

Bas beschrieb dabei selbst präzise das Kernproblem ihrer Partei: Es sei ein „Paradoxon“, dass sich die SPD für die Menschen einsetze, in deren Lebensrealität sie aber „nicht mehr so wahrgenommen“ werde. Die Partei arbeite für die Leute – doch die Leute merkten es offenbar nicht mehr. „Warum ist das so und was müssen wir ändern?“, fragte die Parteichefin in den Saal.

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Sozialstaat als Antwort auf alle Fragen

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten und klang erstaunlich vertraut. Bas forderte, die SPD müsse sich wieder stärker um die konkreten Alltagssorgen der Menschen kümmern. „Wenn wir abstrakt in Berlin diskutieren über irgendwelche Rahmenbedingungen – die Menschen hier vor Ort wollen wissen: Hab ich für meine Kinder einen Kita-Platz, funktioniert der Nahverkehr, krieg ich eine bezahlbare Wohnung?“

All diese Probleme, so Bas, solle ein starker Sozialstaat lösen. Dabei erweiterte sie den klassischen Sozialstaatsbegriff deutlich: Nicht nur soziale Absicherung wie Arbeitslosenversicherung, Renten und Krankenversicherung gehören für sie dazu, sondern praktisch alles, was öffentlich organisiert werden könnte – von Nahverkehr über Betreuung bis zu Arztterminen.

Offene Fragen und Konflikte

Doch gerade diese Ausweitung des Sozialstaatsbegriffs wirft Fragen auf. Viele Berufstätige klagen seit Jahren über ganz andere Probleme: steigende Kosten, hohe Inflation, Bürokratie, erodierendes Sicherheitsgefühl im öffentlichen Raum – und dass vom eigenen Einkommen immer größere Teile über Steuern und Abgaben verschwinden, um anschließend über staatliche Programme wieder verteilt zu werden.

Auffällig war auch, dass Bas bei aller Sicherheitsrhetorik das Thema „Migration“ komplett mied. Dabei zeigt ein Blick auf die Wahlergebnisse, dass die klassische SPD-Rhetorik bei vielen Beschäftigten inzwischen nicht mehr verfängt.

Finanzielle Konsequenzen und Konflikt mit der CDU

Finanziell denkt Bas deutlich größer. Das 500-Milliarden-Sondervermögen für Investitionen werde nicht ausreichen, sagte sie. Deutschland müsse weiter investieren – in Infrastruktur, Zukunftstechnologien und künstliche Intelligenz. Dafür brauche es zusätzliche Mittel und neue Einnahmen. „Natürlich geht’s auch um Vermögensverteilung“, sagte Bas unverblümt.

Damit verschärft sie zugleich den Konflikt mit der CDU. Kanzler Friedrich Merz hatte zuletzt mehrfach gewarnt, der deutsche Sozialstaat sei in seiner bisherigen Form kaum noch finanzierbar. Bas konterte seinerzeit, das sei „Bullshit“ und bekräftigte auch in Leipzig, sie würde den Sozialstaat im Zweifel eher noch ausbauen.

Debatte im Saal bleibt übersichtlich

Die Diskussion mit den Genossen blieb dennoch übersichtlich. Ein Leipziger Kommunalpolitiker fragte nach Entlastungen für finanzschwache Städte und Gemeinden. Sachsens frühere GEW-Chefin Uschi Kruse sprach über Bildungsaufsteiger aus klassischen SPD-Milieus und die Probleme von Schülern aus Arbeiterfamilien. Und schließlich ging es um die rund sechs Millionen Mindestlohn-Empfänger in Deutschland – von denen viele trotzdem nicht SPD wählen.

Die Antwort der Parteichefin fiel kurz und prägnant aus: Deutschland brauche einen Sozialstaat, „der schnell ist“. Damit war der Sozialstaat wieder als Allheilmittel präsent – eine Antwort, die viele grundsätzliche Fragen der SPD-Krise unbeantwortet lässt.

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