Europas nukleare Zukunft: Braucht Deutschland eigene Atomwaffen?
Braucht Deutschland eigene Atomwaffen?

Europas nukleare Zukunft: Braucht Deutschland eigene Atomwaffen?

Seit Jahrzehnten gewähren die Vereinigten Staaten Deutschland und Europa ihren atomaren Schutzschirm als ultimative Abschreckung gegen Russland. In Büchel in der Eifel lagern US-Atombomben, die im Ernstfall sogar von der Bundeswehr ins Ziel geflogen werden könnten. Doch die entscheidende Frage bleibt: Würde ein US-Präsident wie Donald Trump im Ernstfall tatsächlich das nukleare Risiko für Europa eingehen? Immer mehr Experten, Militärs und Politiker fordern daher eigene Atomwaffen für Deutschland und die Europäische Union.

Drei Szenarien für Europas nukleare Aufrüstung

Im Gespräch mit BILD-Vize Paul Ronzheimer skizziert Militärexperte Prof. Dr. Matthias Strohn von der University of Buckingham drei mögliche Wege für die nukleare Aufrüstung Europas. Strohn leitet den Thinktank der britischen Armee, unterrichtet als Oberst der Reserve an der Führungsakademie der Bundeswehr und kennt die Hintergründe europäischer Abschreckungs- und Militärstrategie sowie der nuklearen Sicherheitspolitik genau.

Die deutsche Atombombe: Eine Phantomdiskussion?

Bundeswehr-Brigadegeneral Frank Pieper forderte kürzlich, Deutschland müsse eigene taktische Atomwaffen entwickeln. Das sind kleine, mobil einsetzbare nukleare Sprengköpfe, mit deren Einsatz etwa Russland im Ukraine-Krieg mehrfach gedroht hatte. Für Strohn ist das allerdings eine „Phantomdiskussion“. Denn Deutschland hat 1969 in Moskau den Atomwaffensperrvertrag unterzeichnet.

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Noch schwerer wiegt laut Strohn der Zwei-plus-Vier-Vertrag, der nach der Wiedervereinigung 1990 mit den ehemaligen Besatzungsmächten vereinbart wurde: „Darin ist festgehalten, dass Deutschland keine Atomwaffen besitzt und niemals besitzen wird. Diesen Vertrag kann man eigentlich rechtlich gesehen nicht kündigen. Der hat keine Kündigungsfrist. Der ist also ein Ewigkeitsvertrag.“

Mit dem Ausstieg würde Deutschland „die Büchse der Pandora öffnen“, warnt Strohn. Denn dann könnte etwa Polen nachziehen und neue Reparationen für den Zweiten Weltkrieg fordern.

Gemeinsames Atom-Arsenal für die EU: Eine realistische Option?

Mehrere prominente Politiker wie Manfred Weber von der CSU oder Ex-Außenminister Joschka Fischer von den Grünen fordern eine eigene EU-Atombombe, die nicht von einem Land allein kontrolliert wird. Zumindest technisch wäre das kein Problem: Laut Strohn könnte etwa Deutschland innerhalb von drei Jahren Atombomben bauen.

Allerdings sei die EU heute schon „unglaublich langsam und dysfunktional“. Kaum vorstellbar, dass man das umstrittene Mammutprojekt einer atomaren Aufrüstung stemmen kann. Schon beim Ukraine-Krieg zeige sich, „welche Nationen die Ukraine unterstützen, welche nicht.“ Südeuropa verfolge in vielen Bereichen einen ganz anderen Ansatz als Nord- und Osteuropa. Bei einer nuklearen Einsatzentscheidung würde das zum Schlüsselproblem.

Doch selbst wenn die EU eine Gemeinschafts-Bombe hätte – wer entscheidet dann final über den Einsatz? Strohn vermutet lähmende Uneinigkeit. Atomwaffen seien vor allem als glaubhafte Abschreckung gedacht – die gebe es nicht, „wenn der Gegner weiß: Bis die mal etwas entschieden haben, sind wir schon längst durchmarschiert.“

Atom-Einkauf bei den Nachbarn: Frankreich und Großbritannien

Mit Frankreich und Großbritannien haben zwei Nato-Länder in Europa ein gut gefülltes Atomwaffenarsenal. Aber: Am Ende entscheiden London und Paris selbst über den Einsatz. Ob eine rechtsnationale Regierung in Frankreich für Deutschland oder Polen ihre Atomwaffen einsetzen würde? Das hält Strohn für fraglich.

Das Risiko könnte man durch finanzielle Beteiligung mindern, denn: „Sowohl Frankreich als auch Großbritannien sind mehr oder weniger pleite“. Und Nuklearwaffen seien extrem teuer im Unterhalt. Allein Großbritannien müsse bald seine atomare U-Boot-Flotte für mehr als 40 Milliarden Euro sanieren. Eine deutsche oder europäische Zuzahlung käme Paris und London also sehr gelegen.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron selbst bringt das immer wieder ins Spiel. Frankreich bleibe jedoch eindeutig beim springenden Punkt: „Sie wären zwar willens, ihren Atomschirm auszudehnen, aber die letzte Entscheidung liegt bei Frankreich.“

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Heißt im Klartext: Berlin zahlt – Paris entscheidet. „Da kann man als Deutscher so viel Geld reinbuttern, wie man will. Wenn die Franzosen Nein sagen, steht man quasi als der Geldgeber da, hat aber in Anführungszeichen eigentlich relativ wenig dadurch gewonnen.“