Altbundespräsident Joachim Gauck übt scharfe Kritik an Merz' Ukraine-Politik
Bei einem Auftritt in der Talkshow von Sandra Maischberger hat der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck (86) die Haltung von Bundeskanzler Friedrich Merz (70) zur Taurus-Lieferung an die Ukraine massiv kritisiert. Der Altpräsident bezeichnete die fortgesetzte Weigerung, der schwer bedrängten Ukraine die präzisionsgelenkten Marschflugkörper zur Verfügung zu stellen, als fundamentalen Fehler in der deutschen Sicherheitspolitik.
Gauck warnt vor Putins Kalkül
„Das halte ich für einen Fehler“, erklärte Gauck mit deutlichen Worten. „Wir sehen den Aggressor mit allen seinen Waffenmöglichkeiten, und das angegriffene Opfer wird von uns so behandelt, als wäre eher das Opfer der Gefährder des Friedens. Das geht nicht!“ Der ehemalige Bundespräsident analysierte die Gründe für Merz' Zögern: „Warum tun wir es? Aus der Sorge, dass etwas passieren könnte. Aber Putin kalkuliert unsere Ängste ein. Und er denkt, mit jeder Drohung behindert er unsere Entschlossenheit.“
Gauck betonte, dass dieses Spiel derzeit zu Putins Gunsten funktioniere. „Deshalb brauchen wir eine neue Ernsthaftigkeit“, forderte der 86-Jährige. Er erinnerte an die Zeit der großen Blockkonfrontation: „Auf der einen Seite immer bereit, zu verhandeln, auf der anderen Seite, wie Willy Brandt und andere es gemacht haben: Nie die eigene Stärke preisgeben.“
Appell an die SPD und Warnung vor falscher Friedensliebe
Über die Diskussionen in der SPD urteilte Gauck: „Sozialdemokratische Historiker haben der SPD gesagt: Leute, denkt an die Geschichte. Schwäche ermutigt einen, der das Recht nicht achtet. Die Schwäche der Anständigen ist die Ermutigung der Unanständigen.“
Zur Kriegsfurcht in der Bevölkerung sagte der Altbundespräsident: „Angst ist menschlich, aber sie zu überwinden auch. Mut ist auch eine Menschenmöglichkeit. Und Verstand zu behalten, wenn wir uns fürchten, ist auch eine.“ Er verwies auf die Zeitenwende-Rede des vorigen Bundeskanzlers: „Bei dieser Rede sind wir aus dem Bett aufgestanden. Jetzt müssten wir uns nur noch bewegen.“
Gauck warnte eindringlich vor falscher Friedensliebe: „In den großen Krieg rutschen wir eher, wenn wir uns verlassen auf eine hoffnungsgestützte Ohnmacht und so tun, als würde ein Aggressor und Kriegsverbrecher dadurch beeindruckt werden, dass wir uns besonders friedliebend und besonders neutral gebärden. Das kann zu nichts führen.“
Unterstützung der Ukraine als Selbstverteidigung
Zum Schluss seiner Ausführungen ging Gauck auf Vorwürfe aus dem Putin-Lager ein: „Es ist doch so, dass wir nicht mehr in den Zeiten sind, wo wir deutschem Militär oder deutschen Waffen misstrauen würden. Seit wer weiß wie langer Zeit sehe ich keinen einzigen General oder Minister, der kriegslüstern wäre.“
Der ehemalige Bundespräsident widersprach entschieden der Behauptung einer deutschen Kriegsbesoffenheit: „Eine Kriegsbesoffenheit gibt es in diesem friedliebenden Land nicht. Aber es gibt Leute, die aufgewacht sind.“
Gauck betonte die strategische Bedeutung der Ukraine-Unterstützung: „Er will nicht nur die Ukraine. Er will eigentlich mehr. Deshalb verteidigen die Ukrainer uns. Und deshalb haben wir mit Macron und anderen Willigen zusammen tatsächlich Geld auszugeben für die Rüstung. Das müssen wir!“
Die deutlichen Worte des Altbundespräsidenten wurden im Studio von Sandra Maischberger mit langem Applaus bedacht und markieren eine klare Positionierung in der kontroversen Debatte um die deutsche Ukraine-Politik.



