Immun gegen Skandale? Das AfD-Phänomen und seine Wurzeln in Westdeutschland
Berlin • Die AfD erzielt bei Landtagswahlen in Westdeutschland weiterhin hohe Werte, wobei Skandale und Vorwürfe scheinbar an der Partei abperlen. Bei der jüngsten Wahl in Rheinland-Pfalz erreichte die Rechtspartei nach Hochrechnungen 20 Prozent, ein Rekordergebnis für den Westen, das das vor zwei Wochen in Baden-Württemberg aufgestellte Ergebnis von 18,8 Prozent übertrifft. AfD-Chefin Alice Weidel zeigte sich im ZDF selbstbewusst und betonte, dass man langfristig nicht mehr darum herumkommen werde, die AfD in die Regierungsarbeit einzubinden.
Stammwähler und Denkzettel: Die Wählermotivation im Fokus
Laut Analysen der Forschungsgruppe Wahlen wurde die AfD in Baden-Württemberg von 62 Prozent der Befragten „als Denkzettel“ gewählt, während nur 32 Prozent ihre politischen Forderungen als Grund angaben. In Rheinland-Pfalz basiert der Erfolg der AfD auf einem Mix aus Protest, Unzufriedenheit und Überzeugung. Anna-Sophie Heinze, Sprecherin des Arbeitskreises Parteienforschung in der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft, erklärt, dass es sich längst nicht mehr um eine Protestwahl handelt. Die AfD habe sich eine relativ feste Stammwählerschaft aufgebaut, die im Westen gefestigt ist. Für diese Wähler stellen die anderen Parteien keine Wahloption mehr dar; viele würden bei einer Abwesenheit der AfD gar nicht mehr wählen gehen.
Keine "Ostpartei" mehr: Strukturwandel und Abstiegsängste als Treiber
Der Hallenser Politikwissenschaftler Marcel Lewandowsky betont, dass die AfD keine "Ostpartei" mehr ist. Im Westen gewinnt sie viele Wähler in Regionen, die von starkem Strukturwandel betroffen sind, und profitiert von Abstiegsängsten. Die höhere Zustimmung in Ostdeutschland liege an einer geringeren Parteibindung und einem verbreiteten Misstrauen in die herrschende Politik, oft kombiniert mit der Vorstellung, vom "Westen" übervorteilt zu werden. Die AfD knüpfe erfolgreich an diese Einstellungen an.
Skandale ohne große Wirkung: Misstrauen und Alternativlosigkeit
Warum scheinen Skandale und Vorwürfe, wie die jüngste Verwandtenaffäre, an der AfD abzuperlen? Lewandowsky sieht bei AfD-Wählern ein tiefes Misstrauen in die Politik insgesamt. Entweder halten sie die Vorwürfe für erfunden oder aufgebauscht, oder sie finden in anderen Parteien keine Alternative, die ihre Position vertritt. Eine Ipsos-Befragung Ende Februar zeigte, dass 41 Prozent der Deutschen keinen Schaden für die AfD durch die Vetternwirtschaftsvorwürfe erwarten, während nur 33 Prozent negative Folgen prognostizieren.
Blick auf kommende Wahlen: Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern
Alle Blicke richten sich nun auf Sachsen-Anhalt, wo am 6. September die Landtagswahl ansteht. Die AfD steht in Umfragen zuletzt zwischen 39 und 40 Prozent, mit dem Ziel von Spitzenkandidat Ulrich Siegmund, die absolute Mehrheit zu erreichen. Ein solcher Erfolg wäre ein politisches Beben in Deutschland. Zwei Wochen später, am 20. September in Mecklenburg-Vorpommern, könnte die AfD ebenfalls stärkste Kraft werden, mit Umfragewerten zwischen 34 und 37 Prozent. Ihr bisher bestes Ergebnis erzielte die AfD bei der Landtagswahl 2024 in Thüringen mit 32,8 Prozent.
Expertenmeinungen: Strategien und Normalisierung
Die Gründe für den AfD-Zuspruch sind umstritten. Während Anhänger der Denkschule von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) glauben, dass die Union unter Angela Merkel zu links war und Lücken ließ, erklärt Lewandowsky den Erfolg anders: Die Strategien anderer Parteien hätten dazu beigetragen, dass Migrationsthemen in der Debatte bleiben und AfD-Positionen legitimiert werden. Politologin Anna-Sophie Heinze spricht von einer "zunehmenden Normalisierung von Rechtsaußenpositionen und -rhetorik in der Gesellschaft", wobei auch andere Parteien und Medien eine zentrale Rolle spielen. Ob die härtere Gangart der Union Erfolg hat, bleibt offen; aktuell halten CDU und CSU in bundesweiten Umfragen die AfD wieder etwas auf Abstand.



