Scholz plötzlich beliebter als Merz: Experten analysieren das Umfrage-Phänomen
Am Montag jährt sich der Regierungswechsel in Deutschland: Vor einem Jahr wählten die Deutschen die Ampel-Koalition ab und brachten Schwarz-Rot ins Amt. Die Vorgängerregierung aus SPD, Grünen und FDP galt in Umfragen als unbeliebteste Bundesregierung aller Zeiten. Doch nun zeigt eine aktuelle INSA-Umfrage für BILD ein überraschendes Ergebnis: Die Deutschen attestieren Olaf Scholz und seinem ehemaligen Kabinett bessere Arbeit als der mit großen Erwartungen gestarteten Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz.
Meinungsforscher: Ausdruck wachsender Unzufriedenheit
INSA-Chef Hermann Binkert sieht in den Zahlen keine Überraschung. Die Unzufriedenheit der Deutschen mit der Bundesregierung (68 Prozent) und mit der Arbeit von Bundeskanzler Friedrich Merz (67 Prozent) steigt seit Monaten kontinuierlich an. „Schwarz-Rot startete mit einem Vertrauensvorschuss, doch der war schnell aufgebraucht“, erklärt Binkert. Entscheidend für die Bewertung sei das persönliche Empfinden der Bürger: „Die Menschen fragen sich als Erstes: Geht es mir persönlich besser als vor einem Jahr?“
Interessanterweise schlagen sich nur zwei Minister der aktuellen Regierung aus Sicht der Befragten besser als ihre Ampel-Vorgänger: Außenminister Johann Wadephul (CDU) und Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Binkert findet dies nachvollziehbar, da es bei diesen Ressorts kaum schlechter gehen konnte: „Sowohl Annalena Baerbock als auch Nancy Faeser waren am Ende der Ampel-Regierung sehr unbeliebt.“ Ein Blick auf das INSA-Politikerranking vom Februar 2025 bestätigt dies: Baerbock war als Außenministerin auf Rang 15 abgestürzt, Faeser belegte den vorletzten Platz.
Medienpsychologe diagnostiziert „politische Nostalgie“
Für Medienpsychologen Professor Jo Groebel liegt der Schlüssel zum Verständnis der Umfrageergebnisse in der großen Erwartungshaltung nach der Enttäuschung über die Ampel-Regierung. „In der Wahrnehmung der Menschen hat sich dann zu wenig getan“, analysiert Groebel. Dabei müsse die wahrgenommene Realität nicht immer mit den objektiven Fakten übereinstimmen.
Hinzu komme ein psychologisches Phänomen: Menschen neigen dazu, Probleme der Vergangenheit eher auszublenden als aktuelle Schwierigkeiten. Daraus entwickle sich mit der Zeit eine Art „politische Nostalgie“. Selbst wenig geschätzte Politiker werden in der Erinnerung irgendwann zu „dem lieb gewordenen Onkel, der einem im Grunde nichts getan hat“.
Psychologe: Phänomen ähnlich wie „verregneter Urlaub“
Der Hamburger Psychologe Michael Thiel spricht von „retroperspektivischer Verklärung“ – dem Phänomen, dass vergangene Erlebnisse im Rückblick milder bewertet werden. „Das kennt jeder von einem verregneten Urlaub, von dem man im Nachhinein schwärmt“, veranschaulicht Thiel.
Im konkreten politischen Fall komme noch ein weiterer Faktor hinzu, den Psychologen als „Kontrasteffekt“ bezeichnen: „Wird eine Regierung als nicht lösungsorientiert erlebt, erscheint die Vorgängerregierung automatisch kompetenter.“ Vereinfacht ausgedrückt: Merz wertet Scholz im Urteil der Deutschen auf, solange er versprochene Reformen vor sich herschiebt. Ein kleiner Trost für den aktuellen Kanzler: Dieses Phänomen werde sich eines Tages bei seinem eigenen Nachfolger wiederholen.
Die Umfrageergebnisse zeigen deutlich, wie schnell sich politische Wahrnehmungen wandeln können und wie stark subjektive Empfindungen die Bewertung von Regierungsarbeit beeinflussen. Während die Zahlen für die aktuelle Bundesregierung alarmierend sind, demonstrieren sie gleichzeitig die komplexe Psychologie des Wählervotums.



