Wahlkampf in Baden-Württemberg: Özdemirs überraschende Annäherung an Ex-Grünen Palmer
Früher war er sein schärfster Kritiker, heute ist er sein Wahlkampf-Kumpel: Cem Özdemir (60), Spitzenkandidat der Grünen in Baden-Württemberg, vollzieht eine bemerkenswerte politische Wende. Wenige Wochen vor der Landtagswahl am 8. März setzt er auf die Unterstützung von Boris Palmer (53), dem Tübinger Oberbürgermeister und ehemaligen Parteikollegen, den er einst massiv attackierte.
Von der Distanzierung zur Wahlkampf-Allianz
Die Inszenierung dieser ungewöhnlichen Freundschaft wirft Fragen nach politischem Kalkül auf. Noch vor wenigen Jahren rechnete Özdemir öffentlich mit Palmer ab, sprach ihm die Eignung für ein Ministeramt ab und forderte sogar seinen Parteiausschluss. Jetzt, da Özdemirs Grünen in Umfragen sechs bis acht Prozentpunkte hinter der CDU liegen, vollzieht der Spitzenkandidat eine 180-Grad-Wende.
Die Annäherung wurde besonders deutlich, als sich Özdemir und Juristin Flavia Zaka (40) am Wochenende das Jawort gaben – und ausgerechnet Boris Palmer die Trauung vornahm. Bei einem anschließenden Wahlkampfauftritt ließ Özdemir sogar die Möglichkeit offen, Palmer im Falle eines Wahlsiegs zum Minister zu befördern.
Palmer als „Stimmenfänger“ in der Umfrage-Not?
Der „Spiegel“ titelte treffend: „Özdemir zündet den Palmer-Booster“. Hinter der Strategie der Grünen steht offenbar die Hoffnung, den als Klartext-Politiker bekannten Ex-Grünen als „Stimmenfänger“ zu nutzen. Özdemir soll von Palmers „breiter Wählerschaft“ profitieren, indem er sich näher an den umstrittenen Oberbürgermeister rückt.
Doch die Geschichte dieser Beziehung war nicht immer von Nähe geprägt. 2016, als Palmer vor „unkontrollierter Einwanderung“ warnte, distanzierte sich Özdemir deutlich und betonte, der Tübinger spreche weder für die Landes- noch für die Bundespartei. Seine damalige Co-Vorsitzende Simone Peter warf Palmer sogar vor, „rechten Hetzern in die Hände“ zu spielen.
Der Bruch: Rassismus-Vorwürfe und das Ende der Parteimitgliedschaft
Noch schärfer wurde die Kritik im Sommer 2021. Palmer hatte in einem missglückten Versuch, Fußballspieler Dennis Aogo vor pauschalen Rassismus-Vorwürfen zu schützen, einen ironischen Beitrag verfasst, der als rassistisch interpretiert wurde. Die Grünen warfen Palmer daraufhin Rassismus vor – was schließlich zum Ende seiner Parteimitgliedschaft führte.
Özdemir sagte damals der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ über Palmer: „Das Argument, dass er missverstanden worden sei, kann ich mittlerweile nicht mehr hören. Wenn man immer missverstanden wird, stellt sich die Frage, ob das nicht eine Art Geschäftsmodell ist.“ Er kritisierte, Palmer stoße keine Debatten an, sondern mache sie kaputt.
Über Palmers Minister-Eignung urteilte Özdemir bitter: „Wer das ernsthaft überlegt hat, wurde nun eines Besseren belehrt. Das gilt ehrlicherweise auch für Menschen wie mich oder unseren Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, die bis zum Schluss immer wieder versucht haben, ihm Brücken zu bauen.“ Doch Palmer „sprengt jede Brücke, die in Sichtweite ist“.
Die neue Rhetorik: Vom Verstoßenen zum „Freund und Ratgeber“
Heute präsentiert sich Özdemir in einem völlig anderen Licht. Auf Nachfrage von BILD erklärte der Grünen-Spitzenkandidat: „Boris Palmer ist seit vielen Jahren ein Freund und wichtiger politischer Ratgeber. Wir pflegen ein offenes Wort, können auch miteinander streiten. Das schätzen wir beide aneinander.“
Özdemir betonte, dazu gehöre auch, „dass man unterschiedliche Ansichten vertreten kann und ich gestehe Menschen auch grundsätzlich zu, dass sie Ansichten ändern können“. Diese neue Rhetorik steht in starkem Kontrast zu seinen früheren Äußerungen, in denen er Palmer aufforderte, ihn zu ignorieren und wenig über dessen Aussagen zu reden.
Politisches Kalkül oder echte Versöhnung?
Die entscheidende Frage bleibt: Handelt es sich bei dieser Annäherung um echte politische Versöhnung oder rein um Wahlkampf-Taktik? Mit der Landtagswahl am 8. März vor der Tür und deutlichem Rückstand in den Umfragen scheint Özdemir jede Möglichkeit zu nutzen, um Stimmen zu gewinnen.
Die Palmer-Wende zeigt, wie pragmatisch Politik in Wahlkampfzeiten werden kann. Aus dem einstigen Paria ist plötzlich ein wertvoller Verbündeter geworden – zumindest solange die Umfragen es erfordern. Ob diese Allianz über den Wahltermin hinaus Bestand haben wird, bleibt abzuwarten.



