Rostocker Kultstätte Nordlicht steht vor dem Abriss
Seit den späten 1970er-Jahren hat das Nordlicht in Rostock-Lichtenhagen Generationen von Rostockern begleitet. Ob bei Fasching, Jugendweihen oder anderen Festen – die Veranstaltungsstätte in der Ratzeburger Straße 8 war stets ein Ort des Feierns, Tanzens und geselligen Beisammenseins. Doch seit Jahren verfällt der Gebäudekomplex zusehends, und nun steht fest: Eine Rettung des Nordlichts ist nicht mehr möglich.
Investor plant Neubau mit Hochhaus und Wohnungen
Frank Streeck, Projektentwickler von Atrium Haus Rostock, der im Auftrag der Muhsal-Gruppe handelt, bringt es auf den Punkt: „Abrissreif“. Eine Sanierung wäre unverhältnismäßig, selbst einzelne Teile des Gebäudes seien nicht zu erhalten. Stattdessen plant Streeck einen umfassenden Neubau: Auf dem Grundstück sollen ein 16-geschossiges Hochhaus und ein sechsgeschossiges Mehrfamilienhaus mit insgesamt 150 Wohnungen entstehen. Die Investitionssumme liegt zwischen 40 und 50 Millionen Euro.
Als Ersatz für die bisherige Veranstaltungsstätte ist ein mehr als 400 Quadratmeter großer Multifunktionssaal zwischen den Neubauten vorgesehen. „Hier steht die öffentliche Nutzung im Vordergrund“, betont Streeck. Neben der Schulspeisung für die benachbarte Nordlichtschule könnten hier Veranstaltungen aller Art stattfinden, um „diesem besonderen Ort“ gerecht zu werden.
Proteste von Anwohnern und Verein Unser Lichtenhagen
Doch nicht alle sind mit diesen Plänen einverstanden. Der Verein Unser Lichtenhagen unter Vorsitz von Nick Alexandre kämpft vehement für den Erhalt des Nordlichts als soziokulturellen Standort. „Wir sind nicht der Meinung, dass das Nordlicht abgerissen werden muss. Stattdessen sollte es saniert werden“, unterstreicht Alexandre. Der geplante Veranstaltungssaal sei mit 400 Quadratmetern viel zu klein und verfüge über kein Foyer. Seiner Ansicht nach geht es dem Investor primär um den Bau von Wohnungen, nicht um die Schaffung eines kulturellen Zentrums.
Besondere Sorge bereitet Alexandre der denkmalgeschützte Saal mit dem ebenfalls unter Schutz stehenden, 18 Meter langen Wandbild „Jugend und Freizeit“ von Feliks Büttner und Inge Jastram aus dem Jahr 1979. Streeck ist dieses Problem bewusst und plant, den Denkmalschutz aufheben zu lassen, da das Gebäude in seinem aktuellen Zustand nicht erhaltbar sei. „Wir werden aber versuchen, das Wandbild zu retten. Wenn das nicht möglich ist, wollen wir das Bild fototechnisch in das neue Gebäude transformieren“, erklärt er etwas kryptisch. Die endgültige Entscheidung liege jedoch beim Denkmalamt der Hansestadt.
Für Alexandre ist dieser Ansatz nicht hinnehmbar. „Man kann nicht einfach aus dem Wandbild eine Fototapete machen und dann alles abreißen. Das ist nicht denkmalgerecht“. Er fordert den Investor auf, das Nordlicht zu erhalten und die Pläne zu ändern, und appelliert an die Stadtverwaltung, im Sinne der Lichtenhäger Einfluss zu nehmen.
Verhandlungen mit der Stadtverwaltung laufen
Parallel zu den Protesten verhandelt Projektentwickler Streeck mit der Stadtverwaltung darüber, dass die städtischen Mittagsmatrosen, die für die Schulessensversorgung zuständig sind, künftig die Bewirtschaftung des neuen Multifunktionssaals übernehmen sollen. Hier soll auch die Schulspeisung stattfinden. Die Mittagsmatrosen kümmern sich bereits um die Versorgung der Nordlichtschule und könnten laut Streeck die gesamte Bewirtschaftung des Saals managen, einschließlich gesellschaftlicher Veranstaltungen im Stadtteil. „Dem Investor sei es wichtig, dass nach einem Abriss des Nordlichts eine öffentliche Nutzung erhalten bleibe“, betont er.
Die Debatte um das Nordlicht zeigt somit einen klassischen Konflikt zwischen moderner Stadtentwicklung und dem Erhalt kultureller Identität. Während der Investor auf Neubau und wirtschaftliche Nutzung setzt, kämpfen Anwohner und Vereine für den Erhalt eines Stücks Rostocker Geschichte. Die Entscheidung über das Schicksal des Nordlichts wird in den kommenden Monaten fallen und dürfte weiterhin für kontroverse Diskussionen sorgen.



