Kriegsangst in Mecklenburg-Vorpommern: Drei Viertel der Bevölkerung betroffen
Die weltpolitische Lage mit Konflikten in der Ukraine und im Nahen Osten hinterlässt tiefe Spuren in der Bevölkerung Mecklenburg-Vorpommerns. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts INSA Consulere im Auftrag des Nordkurier offenbart alarmierende Zahlen: Fast drei Viertel der Befragten im Nordosten geben an, persönliche Angst vor Krieg zu haben. Die Studie zeigt deutliche Unterschiede nach Geschlecht, Alter und Wohnort.
71 Prozent mit großer Kriegsangst – Frauen besonders betroffen
Konkret erklärten 71 Prozent der Befragten große persönliche Angst vor militärischen Konflikten – 28 Prozent mit „sehr großer“ und 43 Prozent mit „eher großer“ Angst. Lediglich 24 Prozent stufen ihre Ängste als gering ein, während der Rest keine Angabe machte. Besonders auffällig ist der Geschlechterunterschied: Während 80 Prozent der Frauen große Kriegsangst artikulieren, sind es bei Männern 63 Prozent.
Experten analysieren die Ursachen der Verunsicherung
„71 Prozent – das ist ein hoher Wert“, kommentiert Psychiater Prof. Peter Zwanzger, Leiter der Gesellschaft für Angstforschung in Wasserburg am Inn. Die aktuelle Weltlage mit Kriegen an verschiedenen Schauplätzen, die scheinbar näher rücken, erkläre diese Entwicklung. „Unsere Angst ist umso größer, je weniger ein Ereignis vorhergesagt werden kann“, so Zwanzger zur Kalkulierbarkeit von Risiken.
Prof. Eva-Lotta Brakemeier, Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie der Universität Greifswald, sieht in den Ergebnissen eine reale gesellschaftliche Verunsicherung: „Krieg ist deutlich näher gerückt, medial wird viel berichtet. Angst ist in diesem Zusammenhang eine nachvollziehbare und sinnvolle Reaktion.“ Sie beschreibt Kriegsangst als Mischung aus existenzieller Angst, Zukunftsangst und Verlustangst.
Ältere Generation durch Kriegserfahrungen geprägt
Die Umfrage zeigt, dass ältere Menschen besonders betroffen sind. Experten führen dies auf eigene oder familiäre Kriegserfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg zurück. Erinnerungen kämen wieder hoch, und durch schwere Traumata könnte sich Ängstlichkeit sogar im Erbgut fortpflanzen. Frauen artikulieren Angst nicht nur öfter, sondern suchen auch früher nach Hilfe, was teilweise wissenschaftlich mit der Hormonregulierung begründet wird.
Kinder und Jugendliche ebenfalls belastet
Brakemeier erweitert den Blick auf junge Menschen: Studien zeigen, dass ein großer Teil der Kinder und Jugendlichen aktuell Sorgen über Kriege äußert, was sich auf ihr Wohlbefinden auswirken kann. „Wir sehen seit der Pandemie insgesamt eine Zunahme psychischer Belastungen. Als Gesellschaft sind wir gefordert, diese Entwicklungen ernst zu nehmen und präventiv gegenzusteuern.“
Unterschiede nach Wohnort und politischer Präferenz
Die Umfrage offenbart weitere Differenzierungen: 75 Prozent der Stadtbewohner haben große Kriegsangst, während es im ländlichen Bereich 69 Prozent sind. Politisch betrachtet zeigen sich deutliche Unterschiede:
- 84 Prozent der Linken-Wähler haben große Angst vor Krieg
- SPD-Anhänger: 82 Prozent
- CDU-Wähler: 78 Prozent
- BSW-Sympathisanten: 73 Prozent
- Grünen-Wähler: 71 Prozent
- AfD-Anhänger: 69 Prozent
- FDP-Wähler: Nur 35 Prozent
Die Ergebnisse machen deutlich, dass die Kriegsangst in Mecklenburg-Vorpommern kein Randphänomen ist, sondern breite Bevölkerungsschichten betrifft. Experten raten Betroffenen, bei anhaltenden Ängsten professionelle Unterstützung zu suchen.



