Honorarkürzungen bei Psychotherapeuten verschärfen Versorgungskrise in Mecklenburg-Vorpommern
Psychotherapie-Honorarkürzungen verschärfen Versorgungskrise

Psychotherapie-Honorarkürzungen verschärfen Versorgungskrise in Mecklenburg-Vorpommern

Die geplante Absenkung der Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5 Prozent ab dem 1. April 2026 droht die ohnehin angespannte Versorgungssituation in Mecklenburg-Vorpommern weiter zu verschärfen. Besonders im ländlichen Raum könnten die Konsequenzen gravierend ausfallen, wie die Bürgermeisterin der Feldberger Seenlandschaft, Constance von Buchwaldt (SPD), deutlich macht.

Wirtschaftlicher Druck auf Praxen steigt massiv

Constance von Buchwaldt bezeichnet die Entscheidung des Bewertungsausschusses als gravierende Fehlentscheidung, die unmittelbare negative Folgen für die Versorgungssituation in ganz Mecklenburg-Vorpommern haben wird. „Der wirtschaftliche Druck auf Praxen steigt erheblich. Es ist absehbar, dass Kapazitäten im Bereich der gesetzlichen Krankenversicherung reduziert werden“, erklärt die Bürgermeisterin. Bereits jetzt seien die Wartelisten vieler Psychotherapeuten geschlossen, was die Suche nach einem Therapieplatz zu einer nahezu unmöglichen Aufgabe mache.

Soziale Ungleichheit und Nachwuchsprobleme

Ein weiteres Problem sieht von Buchwaldt in der zunehmenden sozialen Ungleichheit: „Besonders gesetzlich versicherte Patientinnen und Patienten und Menschen mit geringem Einkommen werden noch schwerer Zugang zu dringend benötigter Hilfe erhalten“. Zudem gefährdet die Honorarkürzung die ohnehin fragile Finanzierung von Weiterbildungsstellen, was langfristige Folgen für die Versorgung haben könnte.

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Die strukturelle Ungleichbehandlung innerhalb des Gesundheitssystems verschärft die Situation zusätzlich:

  • Psychotherapeuten werden im Vergleich zu Fachärzten bei vergleichbarer Verantwortung deutlich schlechter vergütet
  • Ärzte erzielen im Durchschnitt etwa das Zwei- bis Dreifache der Einnahmen von Psychotherapeuten
  • Der Ausbildungsweg für Psychotherapeuten ist mit erheblichen finanziellen Belastungen verbunden
  • Angehende Fachärzte erhalten bereits während ihrer Weiterbildung ein volles Gehalt

Gesundheitspolitisch kontraproduktive Maßnahme

„Eine Kürzung hingegen erscheint nicht nur sachlich unbegründet, sondern auch gesundheitspolitisch kontraproduktiv und für die Versorgung im ländlichen Raum absolut fatal“, betont die Bürgermeisterin. Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Ursachen für Arbeitsausfälle und Frühverrentung. „Eine unzureichende ambulante Versorgung führt zu Chronifizierung, stationären Aufenthalten und erheblichen Folgekosten für die gesamte Gesellschaft, aber auch für kommunale Strukturen“, warnt von Buchwaldt.

Theoretisch ausreichende versus praktische Versorgung

Auf dem Papier ist die Versorgung mit Psychotherapeuten in Mecklenburg-Vorpommern ausreichend. Mit Ausnahme der Planungsregion Schwerin/Wismar/Nordwestmecklenburg weist die Kassenärztliche Vereinigung (KVMV) alle Bereiche als gesperrt aus. In der Praxis steht die bundeseinheitlich vorgegebene Bedarfsplanung jedoch seit Jahren in der Kritik.

Die heutige Sitzverteilung basiert weitgehend auf Planungsgrundlagen aus den 1990er-Jahren, als die Zahl psychisch Kranker und damit auch der Bedarf an Psychotherapie noch viel geringer war. Seit 2017 sind niedergelassene Therapeuten zwar dazu verpflichtet, Erstgespräche zur Abklärung des Behandlungsbedarfs und Akutbehandlungen anzubieten. Das grundlegende Problem der fehlenden Kapazitäten für notwendige Langzeittherapie bleibt jedoch unverändert bestehen.

Breiter gesellschaftlicher Protest

Die geplanten Honorarkürzungen stoßen auf breiten gesellschaftlichen Widerstand. Auf der Plattform Change.org haben bis zum 30. März bereits mehr als 527.000 Menschen die Petition der Psychotherapeutin Johanna Alisa Jung unterschrieben, die sich gegen die Honorarkürzungen wendet. In der Petition heißt es: „Wer fordert, dass Menschen länger gesund arbeiten sollen, darf die Behandlung psychischer Erkrankungen nicht schwächen“ und „Psychische Gesundheit ist keine Sparmaßnahme – sie ist eine zentrale Voraussetzung für gesellschaftliche Stabilität, Teilhabe, Wohlbefinden und Arbeitsfähigkeit.“

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Die Diskussion um die Honorarkürzungen zeigt deutlich, dass die psychotherapeutische Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern an einem kritischen Punkt angelangt ist. Während die theoretische Bedarfsplanung eine ausreichende Versorgung suggeriert, steht die Praxis vor erheblichen Herausforderungen, die durch die geplanten Kürzungen noch verschärft werden könnten.