Unermesslicher Verlust: Raum für Trauer um Sternenkinder in Neubrandenburg
Es gibt Momente im Leben, für die keine Worte existieren. Augenblicke, in denen Sprache versagt angesichts einer unendlichen Trauer, die Familien ergreift, wenn ihr sehnlichst erwartetes Kind nicht lebend zur Welt kommt. In genau solchen Momenten ist Andrea Rosenow einfach da. Die erfahrene Krankenhausseelsorgerin am Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg weiß, wann Schweigen trägt und was dennoch gesagt werden muss. „Das wird niemals Routine“, betont sie über ihre Begegnungen mit Eltern, die ihr Sternenkind verloren haben.
Ein poetischer Name für unermesslichen Schmerz
Den zarten Namen „Sternenkinder“ haben einfühlsame Menschen für jene kleinen Wesen gefunden, die still geboren werden. Diese traumatische Erfahrung wird für betroffene Familien zur Herzensangelegenheit von Andrea Rosenow und ihren Kollegen, die ihnen beistehen wollen. „Trauer braucht Raum“, erklärt die Seelsorgerin überzeugt. Diesen Raum schafft nicht nur ihre Arbeit im Klinikum, sondern insbesondere das bewegende Sternenfeld auf dem Waldfriedhof Carlshöhe am Rande der malerischen Seenplattenstadt.
Gedenkstätten in ganz Mecklenburg-Vorpommern
Die Neubrandenburger Grabstätte existiert bereits seit fast 25 Jahren und ist bei weitem nicht die einzige ihrer Art im Bundesland. In zahlreichen weiteren Städten Mecklenburg-Vorpommerns werden spezielle Grabstellen für Sternenkinder liebevoll gepflegt, darunter in:
- Waren
- Demmin
- Teterow
- Güstrow
- Rostock
- Greifswald
- Schwerin
- Hagenow
- Ludwigslust
Die Neubrandenburger Anlage wird von einer berührenden Skulptur geprägt, die einer Träne nachempfunden ist und dennoch Zerrissenes zusammenhält. Die Inschrift „In Liebe geborgen“ spricht Bände über die Intention dieses besonderen Ortes.
Gemeinschaft in der Einsamkeit der Trauer
Selbst in der noch kargen Jahreszeit ist dem Ort anzusehen, wie viel er den Menschen bedeutet, die hierherkommen. Eltern schmücken die kleine Anlage mit persönlichen Erinnerungsstücken:
- Frischen Blumen
- Zarten Lichtern
- Bunten Windmühlen
- Kuscheltieren
Viermal jährlich finden hier einfühlsame Beisetzungen statt – liebevolle Zeremonien mit musikalischer Begleitung durch Geigerin Birgit Goldmann von der Neubrandenburger Philharmonie. Die nächste dieser tröstenden Veranstaltungen ist für den 8. April geplant.
„Den Eltern tut es oft gut zu sehen: Da sind noch andere Familien, die den gleichen Verlust erlitten haben“, weiß Andrea Rosenow aus ihrer langjährigen Erfahrung. Viele Betroffene empfänden den Verlust ihres Kindes als persönlichen Makel oder Niederlage, besonders wenn dieser in einem frühen Stadium der Schwangerschaft geschah. „Aber Trauer richtet sich nicht danach, wie groß das Kind war“, betont die Seelsorgerin nachdrücklich.
Rufbereitschaft der Herzen: Mehr als nur Worte
Andrea Rosenow ermutigt auch Hebammen und Pflegekräfte, an den Beisetzungen teilzunehmen. Vor allem jüngere Schwestern seien häufig unsicher im Umgang mit Eltern während einer stillen Geburt. „Da sind Schulungen ganz wichtig“, rät die Expertin – und natürlich der Kontakt zur professionellen Seelsorge.
„Einfach da sein“ ist aus ihrer Sicht das Wichtigste, was sie in diesen schwierigen Momenten tun kann. „In diesen Momenten ist oft jedes Wort zu viel“, erklärt sie einfühlsam, „da gibt es keinen Trost.“ In einer besonderen „Rufbereitschaft der Herzen“ stehen sie und ihre Kollegen unabhängig von regulären Arbeitszeiten zur Verfügung, sofern sie erreichbar sind.
Unwiederbringliche Momente und bleibende Erinnerungen
Was Eltern in dieser extremen Situation wissen und entscheiden müssen, überlassen die Fachleute nicht allein den Informationsmappen, die auf der Station bereitliegen. Diese enthalten wertvolle Hinweise zu:
- Möglichkeiten des Abschiednehmens
- Bestattungsoptionen
- Ansprechpartnern für Betreuung
- Unterstützungsangeboten
- Schaffung bleibender Erinnerungen
Letzteres umfasst etwa Sternenkind-Fotografie oder die Arbeit einer Künstlerin, die 3D-Abdrücke von Händen und Füßen der Kleinen anfertigt. „Diese Momente sind unwiederbringlich“, sagt die Seelsorgerin bewegt, wenn sie beobachtet, wie eine Mutter ihr Sternenkind im Arm hält und streichelt. Gewaschen und liebevoll angezogen, werden die Kinder so behandelt, dass Angehörige auch am nächsten Tag noch Abschied nehmen können.
Strukturen der Unterstützung: Von Beisetzungen bis Selbsthilfe
Bei einem Körpergewicht ab 1000 Gramm besteht in Mecklenburg-Vorpommern eine Beerdigungspflicht nach Ermessen der Familien. Für kleinere Sternenkinder bietet das Bonhoeffer-Klinikum die vierteljährlichen Gemeinschaftsbeisetzungen an – eine tröstende Alternative für viele Betroffene.
Junge Frauen, denen sogar mehrfach solch schmerzhafter Verlust widerfahren ist, haben in Neubrandenburg und Neustrelitz engagierte Selbsthilfegruppen für Sterneneltern gegründet. Informationen und Ansprechpartner vermittelt zudem die deutschlandweit aktive Initiative Regenbogen, die betroffene Familien unterstützt.
Ein besonderes Angebot des Dietrich-Bonhoeffer-Klinikums Neubrandenburg ist die jährliche Gedenkveranstaltung im Dezember, zu der alle Familien eingeladen sind, die ein Kind verloren haben – nicht nur die Eltern von Sternenkindern. Diese Zeremonie für verwaiste Eltern schafft einen weiteren wichtigen Raum für gemeinsames Trauern und Erinnern in einer Zeit, die für viele besonders schwer zu ertragen ist.



