Vor 21 Jahren: Der dramatische Einsturz der Wissower Klinken veränderte Rügen für immer
Am frühen Abend des 24. Februar 2005 bebte der Boden unter der Kreideküste von Jasmund auf der Insel Rügen. Innerhalb von nur zehn Minuten war eines der bekanntesten Naturwunder Deutschlands Geschichte: Die berühmten Wissower Klinken, bis dahin Rügens meistfotografiertes Motiv, stürzten mit Donnern und Grollen in die Ostsee. Etwa 50.000 Kubikmeter Kreide rissen sie in die Tiefe und hinterließen eine tiefe Lücke in der Küstenlinie.
Das Ende eines Wahrzeichens
Seither markiert dieser Tag das Ende eines der prägnantesten Wahrzeichen der Ostseeinsel. Wo einst zwei schneeweiße Zinnen wie Kathedralentürme aus der Küste ragten, blieb nur ein bizarr gezackter Abbruch zurück. Millionen Touristen erlebten fortan Rügen buchstäblich mit einer Lücke im Gesicht. Der damalige Tourismuschef sprach von einem "Verlust der Identität" für die gesamte Insel.
Zwischen Kunst, Kultur und Katastrophe
Schon im 19. Jahrhundert waren die Kreidefelsen von Jasmund ein Sehnsuchtsort für Künstler. Caspar David Friedrich ließ sich hier zu seinem berühmten Gemälde "Kreidefelsen auf Rügen" inspirieren – auch wenn die späteren Wissower Klinken damals noch gar nicht existierten. Ihr Ruhm wuchs dennoch mit der Romantik, mit Fotografien, Postkarten und unzähligen schwärmerischen Beschreibungen.
Die Klinken standen für das Bild der Ostseeinsel schlechthin: strahlend, unberührt, monumental. Als sie 2005 wegbrachen, gedachten auch Musiker des Moments: Am 13. März 2005 erklang laut NDR im Nationalparkzentrum ein besonderes Konzert – Brahms' Erste Symphonie, deren vierter Satz teilweise auf der Halbinsel Jasmund inspiriert worden war.
Wie es zum Einsturz kam
Geologen wussten schon zuvor, dass das Schicksal der Klinken besiegelt war. Risse zogen sich über Monate durch den Fels, kleinere Abbrüche kündigten den großen Absturz an. Verantwortlich waren natürliche Kräfte:
- Frost und Feuchtigkeit
- Der stetige Druck des Meerwassers
- Gefrorenes Regenwasser, das sich in den Spalten ausdehnte
Neuere Analysen ergaben, dass es gleich zwei Abbrüche waren – um 16:35 Uhr und 16:45 Uhr. Damals zeichnete eine seismische Station auf Rügen die Beben auf, die Forscher des GeoForschungsZentrums Potsdam erst Jahre später eindeutig zuordnen konnten.
Rügens Küste bleibt in Bewegung
Was 2005 geschah, war kein einmaliges Ereignis. Die Kreideküste lebt – und sie stirbt unaufhörlich. Wind, Regen und Wellen modellieren die Landschaft weiter, meterweise verschwinden jedes Jahr Teile der Kliffkante. Ein künstliches Stoppen dieser Prozesse würde dem Schutzziel des Nationalparks widersprechen: die Natur sich selbst zu überlassen.
Gleichzeitig warnen Geologen und Parkverwalter immer wieder vor den Gefahren am Steilufer. Nach anhaltendem Regen oder Frost sollten Besucher die Warnhinweise ernst nehmen und sich nicht zu nah an den Rand wagen. Denn Rügen verändert sich weiter – unaufhaltsam, unberechenbar und in bewundernswerter Schönheit.
Ein Denkmal aus Bildern und Erinnerung
Heute, 21 Jahre danach, lebt das Bild der Wissower Klinken in Kunstwerken, alten Aufnahmen und der kollektiven Erinnerung fort. Wer über den Hochuferweg wandert, sieht die Stelle, an der sie einst standen – zwei stumpfe Reste in der Kreidewand, bewachsen und unscheinbar. Doch wer genau hinschaut, erkennt noch immer ihre Silhouette in den Konturen der Küste.
So sind die Klinken mehr als ein verlorenes Fotomotiv geblieben: Sie stehen für die Vergänglichkeit der Natur – und dafür, dass Schönheit manchmal nur ein Moment im Spiel der Elemente ist. Die Wissower Klinken erinnern uns daran, dass selbst die monumentalsten Naturwunder den Kräften der Zeit und der Elemente nicht widerstehen können.



