Mufflons auf Rügen: Wie mediterrane Wildschafe die Ostsee eroberten
Majestätische Hörner, wacher Blick und dunkles Fell – Mufflons lassen Wanderer auf der Insel Rügen regelmäßig staunen. Diese scheuen Wildschafe wirken, als gehörten sie eigentlich in die felsigen Gebirgshänge Korsikas oder Sardiniens. Dennoch streifen sie heute durch die weiten Flächen des Nationalparks Jasmund und über die Insel Hiddensee. Rund 120 Tiere sollen aktuell auf beiden Inseln leben, wobei der größte Teil bei Sassnitz beheimatet ist. In den vergangenen Tagen wurde wiederholt eine Herde in dieser Region gesichtet, was die besondere Präsenz dieser ungewöhnlichen Bewohner unterstreicht.
Jagdtrieb und Zufall: Der Ursprung der Population
Doch wie gelangten diese Tiere überhaupt an die deutsche Ostseeküste? Ursprünglich stammen Mufflons aus dem Mittelmeerraum, vorrangig von Korsika und Sardinien. Ihre eindrucksvollen, spiralig gedrehten Hörner machten sie in den 1960er- und 70er-Jahren zu begehrten Jagdtrophäen. Zu ebendieser Zeit begann ihre ungewöhnliche Geschichte an der Ostsee. In der DDR galten Mufflons als Bereicherung der Jagdvielfalt, was zu gezielten Auswilderungen führte – wahrscheinlich durch Förster und Jäger, die das Wild in den Wäldern der Insel ansiedelten. Zusätzlich könnten weitere Tiere aus dem Tierpark Sassnitz entkommen sein, wo es eine Mufflonherde gab. Gemeinsam legten diese Tiere den Grundstein für eine kleine, aber erstaunlich stabile Population.
Erfolgreiche Anpassung und ökologische Rolle
Seitdem haben sich die Wildschafe erstaunlich gut an die neuen Lebensbedingungen angepasst. Zwischen den berühmten Kreidefelsen und dem dichten Buchenwald finden sie reichlich Nahrung, und die offenen Flächen bieten ideale Lebensbedingungen. Die Mufflons fühlen sich so wohl, dass ihr Bestand inzwischen regelmäßig reguliert wird, um ein natürliches Gleichgewicht zu erhalten. Etwa 100 Tiere leben heute nahe des Nationalparks Jasmund, weitere 20 auf Hiddensee. Während Jäger die Bestände im Blick behalten, übernehmen die Mufflons dort sogar eine wichtige ökologische Aufgabe: Sie halten Flächen offen, indem sie dichte Vegetation abweiden – eine natürliche Form der Landschaftspflege. Auf Hiddensee sorgt die kleine Herde damit aktiv dafür, dass die charakteristischen Heidenflächen am Dornbusch nicht zuwachsen und ihre einzigartige Struktur bewahren.
Scheue Bewohner mit besonderen Merkmalen
Trotz ihres Erfolgs bleiben Mufflons scheue Zeitgenossen. Besucher sehen sie meist nur in der Dämmerung, wenn sie am Waldrand äsen. Doch wer Glück hat, erhascht einen Blick auf die mächtigen Widder, deren bis zu 80 Zentimeter lange Hörner Jahr für Jahr weiterwachsen – ähnlich wie Jahresringe eines Baumes, die ein Archiv ihres Lebens in Wind und Wetter darstellen. Die Jäger nennen sie liebevoll „Muffel“, und ihr Gehörn – im Fachjargon als „Schnecken“ bezeichnet – fällt im Gegensatz zu Hirschen nie ab. Stattdessen wächst es kontinuierlich weiter, was die Tiere zu besonderen Trophäen macht. Heute spielt die Jagd jedoch eine untergeordnete Rolle; nur wenige alte Widder werden jährlich erlegt, wobei die wichtigste Aufgabe die Bestandsregulierung bleibt.
Kuriositäten und Anpassungsstrategien
Eine besondere Kuriosität betrifft die Hufe der Mufflons: Perfekt angepasst an das felsige Terrain Südeuropas, bereiten sie den Tieren in der weichen Rügener Erde manchmal Probleme. Auf Hiddensee haben die Tiere dafür eine kreative Lösung gefunden – sie laufen regelmäßig über die Straße, um ihre Hufe abzuwetzen. Diese improvisierte Pediküre mit Meerblick zeigt, wie anpassungsfähig diese Wildschafe sind und wie sie selbst in einer ungewohnten Umgebung Wege finden, um zu überleben und zu gedeihen.



