Rostocks 100.000ster Einwohner: Ein Baby schreibt Geschichte zwischen Propaganda
Am 3. März 1935 wurde Hans-Jochen Fritz Gerhard Ernst Marott in Rostock geboren – und machte damit die Hansestadt zur Großstadt. Als 100.000ster Einwohner schrieb dieses Baby Geschichte, doch sein Leben sollte zwischen NS- und DDR-Propaganda verlaufen. Ein Blick in historische Zeitungsausgaben zeigt, wie Marotts Geburt politisch instrumentalisiert wurde und wie er später ein Versprechen auf ganz eigene Weise einlöste.
Die Geburt als Propaganda-Objekt im Nationalsozialismus
Der „Niederdeutsche Beobachter“, das nationalsozialistische Kampfblatt der Region, titelte damals: „Einhunderttausend voll!“ Mit Marotts Geburt wurde Rostock zur „ersten Großstadt des nationalsozialistischen Deutschlands“ erklärt. Thomas Werner vom Kulturamt der Hansestadt erklärt, dass der Artikel und nachfolgende Berichte, etwa zur Taufe im Mai 1935 in der Marienkirche, die Geburt zur Folie nationalsozialistischer Propaganda machten.
Ein Beispiel aus dem Artikel vom 22. März 1935: „Vor wenigen Jahren noch wäre die Entwicklung einer Stadt zur Großstadt der Ausbruch marxistischer Zentralisation mit all ihren zerstörenden Nebenerscheinungen gewesen.“ Rostock werde nun zeigen, „dass nicht die Zahl ausschlaggebend ist, sondern der Wille, der ihre leitenden Männer beseelt“. Bei der Taufe zogen Oberbürgermeister Walter Volgmann und Stadträte feierlich ein und übernahmen die Patenschaft.
Erneute Instrumentalisierung in der DDR-Zeit
Die Familie Marott verließ die DDR, doch Hans-Jochen Marott kehrte Rostock nie ganz den Rücken. In einem Artikel von 1955 wurde der 20-jährige Marott als „jüngster Kürschner der DDR“ porträtiert – und erneut wurde seine Person, diesmal auch seine persönliche Leistung, mit Propaganda verwoben. Wolf-Dietrich Gehrke beschreibt in „Menschen unter sieben Türmen“, wie Marott zu DDR-Zeiten und danach immer wieder die Heimat suchte.
Ein Versprechen wird auf eigene Weise eingelöst
Als 100.000stem Einwohner Rostocks war Marott 1935 ein Sparbuch zur Geburt versprochen worden, das er nie erhielt. 1994 schloss er den Kreis: Er legte selbst ein Sparbuch an und übergab es dem ersten Baby Rostocks nach der Wende, dem damals vierjährigen Erik Kelber. Marott verstarb im Alter von 66 Jahren und wurde Medienberichten zufolge vor Warnemünde der Ostsee übergeben.
Seine Geschichte zeigt, wie ein einzelnes Leben zwischen politischen Systemen hin- und hergerissen wurde, doch am Ende einen persönlichen Akt der Versöhnung vollbrachte.



