Wal-Forscher: Timmy schläft immer nur mit einer Gehirnhälfte
Wal-Forscher: Timmy schläft mit einer Gehirnhälfte

Forscher erklärt in BILD: Bei Wal Timmy schläft immer nur eine Gehirnhälfte

Überraschend: Bei Menschen gibt es ein ähnliches Phänomen. Walforscher Fabian Ritter war selbst an der Ostsee bei Timmy.

Er ist Meeresbiologe und Walforscher, Vorsitzender des Vereins M.E.E.R. e.V., der sich für den Schutz von Walen und Delfinen einsetzt. Seit 20 Jahren arbeitet Experte Fabian Ritter im Wirtschaftsausschuss der Internationalen Walfangkommission zum Schutz der Meeressäuger, schrieb fünf Bücher. Für BILD schätzt der Experte die Situation um Timmy, den Buckelwal aus der Ostsee, ein – und erklärt, wie er eigentlich schläft.

Was hält der Experte von der Rettung?

„Ich bin sehr skeptisch gegenüber diesen Aktivitäten, die sich da seit Tagen um den Wal herum entfalten“, wird Ritter deutlich. Mehrere Retter sind immer wieder in der Nähe von Timmy, sein Körper wird unterspült, ein Ponton hat nahe des riesigen Körpers festgemacht. Ritter weiter: „Das birgt die Gefahr, den Wal weiter zu schwächen, ihn Stress auszusetzen mit Menschen, die ihn behandeln, mit Booten, die um ihn herumfahren, Saugbagger, die eingesetzt werden.“

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Wenn Timmy schläft, dann nur eine Gehirnhälfte

Eine der Fragen, die immer wieder gestellt werden: Wenn Timmy ganz ruhig da liegt, erholt er sich dann eigentlich? Schläft er nachts, schläft er überhaupt? Tatsächlich: Der Wal ruht sich vermutlich wirklich aus, kann sogar schlafen. Experte Ritter erklärt: „Es gibt einen physiologischen Trick, den Wale und Delfine und wenige andere Tiere anwenden.“ Dabei verfällt nur eine Gehirnhälfte in einen Schlafzustand für bis zu einer halben Stunde: „Die andere Hälfte sorgt dafür, dass der Wal bei Bewusstsein bleibt, denn jeder Atemzug ist ja ein bewusster Atemzug. Wale müssen insofern immer bei Bewusstsein bleiben, auch wenn sie schlafen.“

Wie ist das beim Menschen?

Klingt seltsam? Überraschenderweise können Menschen das auch – ein bisschen. Das wissenschaftliche Fachmagazin „Current Biology“ zitierte 2016 eine Studie, nach der bei Menschen in einer ungewohnten Schlafumgebung ein Teil des Gehirns im Tiefschlaf wachsamer bleiben kann als die andere – der sogenannte „First-night-Effekt“. Das können viele nachvollziehen: Wer in Urlaub fährt, registriert oft, dass er oder sie gerade in der ersten Nacht schlechter schläft als zuhause. Umgekehrt stellte eine in „Nature“ veröffentlichte Studie heraus, dass beim Menschen im Wachzustand ganze Gruppen von Nervenzellen in einen schlafähnlichen Zustand kippen können – was zum Beispiel die Arbeitsleistung verschlechtert. Klar ist aber auch: Eine so eindeutige Trennung nach Gehirnhälften wie beim Wal gibt es nicht.

Versteht der Wal eigentlich, dass man ihn retten will?

Buckelwale orientieren sich primär akustisch – Timmy bekommt alles um ihn herum mit. Aber das muss laut Ritter nicht positiv sein: „Natürlich wird ihn das in dieser Zeit, wo er schon so eine lange Leidensgeschichte hinter sich hat, mindestens verunsichern, wenn nicht stressen.“ Auch für die Menschen sei der Aufenthalt in der Nähe des Buckelwals in der Ostsee gefährlich, weil das Tier immer mal wieder mit seiner gigantischen Schwanzflosse schlägt. Ob er das aus Überlebenswillen macht oder einfach panisch ist – unklar. Ritter zu BILD: „Das kann beides sein, das ist reine Interpretationssache.“

Timmy kann sich nur selbst retten

Eins steht für den Experten fest: Wenn jemand Timmy helfen kann, dann ist Timmy es selbst. Ritter: „Wenn es eine Chance gibt, dass der Wal freikommt, dann wird er das aus eigenen Kräften auch schaffen, wenn er diese Kräfte noch hat.“ Auch mit all ihrem Know-how werden Menschen den Wal nicht kontrollieren oder steuern können. Selbst wenn es gelänge, den Wal Hunderte von Kilometern durch die Ostsee zu ziehen, muss das nicht gut ausgehen. Ritter: „Es muss sichergestellt sein, dass er fressen kann, dass er einigermaßen gesund ist.“

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