DFB-Elf vor Ecuador: Nagelsmanns Rotationsdilemma um Undav
DFB-Elf vor Ecuador: Nagelsmanns Rotationsdilemma

Julian Nagelsmann steckt in einem Dilemma. Soll er dem immer dringlicheren Wunsch der interessierten Öffentlichkeit folgen und Deniz Undav für seine starken Leistungen bei der WM endlich mit einem Platz in der Startelf belohnen? Oder soll der Bundestrainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft alles lassen, wie es ist, und weiterhin auf Undavs Fähigkeiten als Joker setzen? Der Stürmer kommt auf fünf Torbeteiligungen in nur 56 Minuten Spielzeit. Die Antwort ist eigentlich einfach: beides.

Gruppensieg bereits sicher – Wechsel möglich

Die Konstellation macht es möglich. Denn die Deutschen stehen schon vor dem finalen Gruppenspiel an diesem Donnerstag gegen Ecuador (22 Uhr, MESZ, live in der ARD und bei Magenta TV) als Gruppensieger fest. Mittelfeldspieler Nadiem Amiri sagt zwar: „Wir müssen im Flow bleiben. Jeder Sieg tut uns gut.“ Aber gegen die Südamerikaner nicht zu gewinnen, hätte für die Nationalmannschaft zumindest keine existenzgefährdenden Folgen. Das eröffnet dem Bundestrainer, zumindest in der Theorie, die Möglichkeit, Undav für dieses eine Spiel in die Startelf zu versetzen – ohne seinen generellen Status als Einwechselspieler gleich infrage zu stellen.

Nagelsmanns Überlegungen zu Rotation und Rhythmus

„Es gibt verschiedene Ansätze. Du kannst sagen: Warum soll ich seinen Flow jetzt brechen“, hat Nagelsmann nach dem 2:1-Erfolg seiner Mannschaft gegen die Elfenbeinküste erklärt, der nicht zuletzt dank Undavs Toren zustande gekommen war. „Ich kann aber auch sagen: Super Leistung. Lass ihn mal von Beginn an spielen. Wir werden beides diskutieren.“ Im Anlauf auf diese Weltmeisterschaft ist dem Bundestrainer vorgehalten worden – unter anderem von Uli Hoeneß – dass er es versäumt habe, seinen Kader frühzeitig auf eine eingespielte Stammelf zu verdichten. Jetzt hat er eine und sieht sich trotzdem mit der Frage konfrontiert, ob es nicht sinnvoll wäre, gegen Ecuador in größerem Maße zu rotieren.

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Belohnung für die zweite Reihe

Es geht bei dieser Debatte nicht nur um Belastungssteuerung. Es geht auch um Stimmungssteuerung. Nagelsmann könnte mit einer Startelfnominierung Spieler belohnen, die ihre nachgeordnete Rolle bisher klaglos ertragen haben und damit einen wichtigen Beitrag zur immer wieder gelobten Atmosphäre im Team leisten. An gut gemeinten Vorschlägen für den Bundestrainer besteht kein Mangel. Selbst ein Wechsel auf der Torhüterposition – Oliver Baumann für Manuel Neuer – ist bereits ins Spiel gebracht worden. Leon Goretzka, der erst auf den letzten Drücker im internen Ranking hinter Felix Nmecha zurückgefallen ist, wäre gegen die robusten Ecuadorianer nicht zuletzt dank seiner Physis ein Kandidat für die Doppelsechs.

Weitere Kandidaten für die Startelf

Oder David Raum, der als Linksverteidiger Nummer eins in die Vorbereitung gestartet ist und sich jetzt mit der Rolle des Backups von Nathaniel Brown begnügen muss. Und Nick Woltemade, den Helden der Qualifikation, gibt es ja auch noch. Der Stürmer aus Newcastle ist einer von sechs Feldspielern, die bei den Deutschen noch gar nicht zum Einsatz gekommen sind. Ein Wechsel in der Viererkette ist ohnehin unvermeidlich, da Nico Schlotterbeck verletzt ist. Antonio Rüdiger kehrt in die Innenverteidigung zurück.

Nagelsmann warnt vor zu vielen Wechseln

Dass Julian Nagelsmann all diesen Ideen folgen wird, ist eher nicht zu erwarten. „Ich halte nichts davon, alles komplett zu wechseln. Wir müssen im Rhythmus bleiben“, sagt der Bundestrainer. Das gilt vor allem für die Spieler, die der Öffentlichkeit als Kandidaten für eine schöpferische Pause gelten: für Leroy Sané und Kai Havertz, für Florian Wirtz und Jamal Musiala. Sie alle sind gerade erst dabei, in den Flow zu kommen, nachdem sie während der Saison mal mehr oder mal weniger lange ausgefallen waren.

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Ein Mix aus Rotation und Kontinuität

„Es wird wahrscheinlich ein Mix werden“, hat Nagelsmann über seine personellen Planungen gesagt. Die Erfahrung gibt ihm recht. Man kann auch aus Fehlern lernen. Am besten aus den Fehlern anderer, wie es Joachim Löw getan hat, einer von Nagelsmanns Vorgängern als Bundestrainer. Bei der Europameisterschaft 2012 hat Löw nach zwei Siegen in den ersten beiden Gruppenspielen vor dem abschließenden Duell mit Dänemark gesagt: „Selbst wenn wir bereits für das Viertelfinale qualifiziert wären, würde ich jetzt nicht sieben oder acht Spieler tauschen. Ich würde mir das gut überlegen.“

Lehren aus der Vergangenheit

Es war die Lehre aus Löws erstem Turnier als Bundestrainer. Bei der EM 2008 hatten Kroatien, Portugal, Spanien und die Niederlande bereits nach den ersten beiden Begegnungen die Qualifikation für die K.-o.-Runde sicher. Im letzten Gruppenspiel boten sie dann alle eine vermeintliche B-Elf auf. Hollands Bondscoach Marco van Basten wechselte gleich neunmal. Im anschließenden Viertelfinale schieden dann Kroatien, Portugal und Holland aus. Allein die Spanier kamen weiter (und wurden am Ende Europameister).

Rotieren oder nicht rotieren, das ist hier die Frage. Jamie Leweling, der beim Sieg gegen die Elfenbeinküste als Einwechselspieler sein WM-Debüt gefeiert hat, sagt: „Ich glaube, der Trainer hat einen guten Plan.“