Die Tragödie um den Architekten eines Olympia-Wunders für die Ewigkeit
Am 22. Februar 1980 gelang den Vereinigten Staaten von Amerika eine Sensation, die bis heute in den Annalen des Sports verewigt ist. Das legendäre „Miracle on Ice“ bildete die Grundlage für eine völlig unerwartete Eishockey-Goldmedaille bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid. Dieses Ereignis sorgte in den USA für einen inspirierenden Lichtblick während einer wirtschaftlich und politisch äußerst schwierigen Phase der Nation.
Der Countdown zu einem historischen Moment
Der TV-Kommentator Al Michaels startete den unvergesslichen Countdown. Mit bebender Stimme zählte er die letzten Sekunden eines denkwürdigen Eishockeyspiels herunter. „Five seconds left in the game“, brüllte er in sein Mikrofon, während die Spannung im Arena-Eis zu zerreißen drohte. Der US-Amerikaner Dave Silk gelangte an den Puck und schlug ihn nach vorne. Dann stellte Michaels den Millionen ABC-Zuschauern die rhetorische Frage: „Do you believe in miracles?“ Die Antwort gab er sich selbst mit einem lauten, triumphierenden „Yes“.
Was sich an diesem kalten Februartag in Lake Placid abspielte, kennt jeder Eishockey-Fan weltweit unter dem Begriff „Miracle on Ice“. Das Wunder auf dem Eis vollbrachte vor 46 Jahren eine US-Auswahl, die ausschließlich aus unbekannten College-Spielern bestand. Dieses Team schaffte das scheinbar Unmögliche: Bei den Olympischen Winterspielen besiegte es das als übermächtig geltende und hochprofessionelle Team aus der Sowjetunion.
Der Mann hinter dem Wunder: Herb Brooks
Auch der Trainer des Teams, der damals 42 Jahre alte Herb Brooks, war bis zu diesem Zeitpunkt „nur“ im Universitätssport profiliert gewesen. Mit diesem Coup seines Lebens legte er den Grundstein für einen späteren Karrieresprung in die nordamerikanische Profiliga NHL. Doch 23 Jahre nach dem historischen Triumph sollte sein Leben unter tragischen Umständen enden.
Der 4:3-Erfolg in der Finalrunde gegen die Sowjetunion gilt bis heute als eine der größten Sensationen der gesamten Sportgeschichte. Zwei Tage nach dem „Miracle on Ice“ vergoldeten die USA ihren Sieg noch. Nach einem 4:2-Erfolg über Finnland waren die zuvor namenlosen College-Spieler plötzlich Olympiasieger.
In Deutschland drängen sich sofort historische Vergleiche mit der Fußball-Nationalmannschaft auf, die 1954 – 26 Jahre zuvor – sensationell Weltmeister wurde, nach einem 3:2-Finalsieg über den haushohen Favoriten Ungarn. Dieses „Wunder von Bern“ weist erstaunliche Parallelen zum amerikanischen Eiswunder auf.
Ein nationaler Lichtblick in dunklen Zeiten
Die Eishockey-Mannschaft der USA wurde nach ihrer Rückkehr von Präsident Jimmy Carter im Weißen Haus empfangen. Als die Goldmedaillen-Gewinner durch die Straßen Washingtons zogen, wedelten Tausende Menschen mit Fähnchen und Freudentränen flossen. Die US-Bürger genossen diesen glückseligen Moment in einer ansonsten äußerst schwierigen Zeit.
Das Land litt unter einer schweren Energiekrise, die Benzinpreise lagen auf einem Rekordhoch und eine galoppierende Inflation machte der Bevölkerung zu schaffen. Außenpolitisch befanden sich die USA 1980 in der Bredouille: Im Jahr zuvor hatten iranische Revolutionäre die Botschaft in Teheran gestürmt und dabei 52 US-Amerikaner als Geiseln genommen. An Weihnachten 1979 waren sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschiert. Carter sah dies als Affront und kündigte an, dass sein Land die Olympischen Sommerspiele 1980 in Moskau boykottieren werde.
Der Weg zum historischen Sieg
Doch zunächst schauten die Sportfans nach Lake Placid. Im Bundesstaat New York spielten die zwölf besten Eishockeyteams der Welt die Medaillen aus. Die USA galten bereits in ihrer Vorrundengruppe nur als krasser Außenseiter. Doch nach einem Remis gegen Schweden sowie Siegen über die Tschechoslowakei, Norwegen, Rumänien und die Bundesrepublik Deutschland standen die Gastgeber überraschend in der Finalrunde.
Dort kam es direkt zum Duell der verfeindeten Großmächte. Die Fakten sprachen klar für die „Sbornaja“: Die sowjetische Auswahl hatte bei den vergangenen vier Winterspielen die Goldmedaille gewonnen. Vor dem Turnier in Lake Placid gab es noch ein Testspiel im New Yorker Madison Square Garden, bei dem die Sowjetunion die USA mit 10:3 deklassierte.
Das rote Trikot trugen damals durchweg Weltklassespieler:
- Torwart Vladislav Tretjak, der sich den Spitznamen „Mann mit den 1000 Händen“ verdient hatte
- Boris Michailow, auch bekannt als die „Puckmaschine“, der die Mannschaft als Kapitän aufs Eis führte
- Talente wie Sergej Makarow oder der früh verstorbene Wladimir Krutow
An der Bande stand der legendäre Viktor Tichonow, der ZSKA Moskau und die Nationalmannschaft zu Erfolgen drillte. Es schien damals kein Mittel gegen Tichonows läuferisch und technisch perfektes Spiel zu geben.
Brooks‘ emotionale Rede und der unerschütterliche Glaube
Doch der US-Trainer glaubte an den Sieg. Herb Brooks hielt in der Kabine eine emotionale und mitreißende Rede. „Ihr seid geboren, um Eishockeyspieler zu sein, das heute ist euer Moment“, sagte der Trainer mit fester Stimme. Die Russen seien reif, sie seien fällig, betonte Brooks mit Überzeugung.
Die Mannschaft ging aufs Eis und machte dem Favoriten vom ersten Bully an das Leben schwer. Nach dem ersten Drittel stand es 2:2. Mark Johnson, ein Absolvent der University of Wisconsin-Madison, erzielte mit der Sirene den Ausgleich. Die Zuschauer in der Halle flippten aus. Der große Feind, der die Sowjetunion in ihren Augen damals war, begann zu wanken.
In der Pause wechselte Tichonow überraschend den Torwart. Zur Verwunderung aller ließ er Tretjak auf der Bank. Wladimir Myschkin sollte den Sieg festhalten. Doch es kam anders.
Craigs heldenhafter Einsatz und Eruziones Siegtor
Das lag in erster Linie am Torwart der USA. Jim Craig parierte einen Schuss nach dem anderen – und das unter großen Schmerzen. Im zweiten Abschnitt verpasste Waleri Charlamow dem Torwart einen harten Bodycheck. Craig dachte aber nicht daran, sich auswechseln zu lassen. Diese Entscheidung zahlte sich aus: Außer beim zwischenzeitlichen 2:3 ließ er keinen Puck mehr durch.
Im Schlussdrittel glich Johnson erneut aus. Und dann kam Mike Eruzione. Der Kapitän zog ab, Myschkin sah den Puck zu spät. Es stand 4:3. Der Favorit war nun endgültig von der Rolle. „Mit jeder weiteren Minute wurden die Sowjets hektischer und wir immer sicherer. Als die letzten Sekunden vergingen, standen die Zuschauer längst auf ihren Sitzen“, erzählte Eruzione später dem Spiegel.
Die Schlusssirene ertönte. „Als wir dem Gegner wie nach jedem Spiel an der Mittellinie die Hand gaben, sah ich ungläubiges Entsetzen in den Augen der Sowjets“, schilderte Eruzione die historischen Momente. Er stand zwei Tage später stellvertretend für sein Team ganz oben auf dem Siegerpodest. Eruzione rief seine Mitspieler zu sich und die College-Jungs stürmten auf ihren Teamkollegen zu – genau wie beim Siegtor.
Das Leben nach dem Wunder
Es war Eruziones letzter großer Jubel. Nach dem „Miracle on Ice“ beendete der damals 25-Jährige überraschend seine Karriere. Seinen Finalschläger ließ er später versteigern. Ein Fan zahlte 2018 umgerechnet 236.000 Euro für dieses historische Sportgerät.
Während Eruziones Karriere in Lake Placid endete, starteten einige Teamkollegen danach durch. Doppel-Torschütze Mark Johnson spielte noch zehn Jahre in der NHL. Auch Herb Brooks arbeitete später in der nordamerikanischen Profiliga für die New York Rangers, New Jersey Devils und Pittsburgh Penguins. Für die Olympischen Spiele 2002 übernahm er erneut die Nationalmannschaft. In Salt Lake City holten die USA immerhin die Silbermedaille.
Die tragische Wendung
Eineinhalb Jahre nach diesem Turnier kam Herb Brooks am 11. August 2003 bei einem Autounfall ums Leben. Sechs Tage nach seinem 66. Geburtstag verlor er auf einem Highway nahe Minneapolis die Kontrolle über seinen Minivan.
Ihm zu Ehren wurden zwei Jahre später, zum 25. Jubiläum des Wunders, die Halle in Lake Placid umbenannt. Die Stätte seines großen Triumphes heißt nun „Herb Brooks Arena“ – ein ewiges Denkmal für den Architekten eines der größten Wunder der Sportgeschichte.



