Vom Erdbeben-Opfer zum Paralympics-Star: Ralf Étiennes unglaubliche Reise
Der Haitianer Ralf Étienne (36) steht vor dem größten Moment seines Lebens. Bei den Winter-Paralympics in Cortina d'Ampezzo wird er als erster Skifahrer seines Landes in der Geschichte der Spiele antreten. Seine Geschichte ist eine der beeindruckendsten Überlebens- und Erfolgsgeschichten im Sport.
„Ich fahre Ski für die Jugend in Haiti“
Bei der Eröffnungsfeier in Verona lief Étienne stolz ins Amphitheater ein. Im Riesenslalom am Freitag wird er die Farben Haitis vertreten. „Ich fahre Ski für die Jugend in Haiti“, erklärt Étienne. „Ich möchte ihnen zeigen, dass ihre Geschichte nicht von ihrem Ausgangspunkt abhängt. Wenn ein junger Mann aus Haiti, der beim Erdbeben ein Bein verloren hat, es zu den Paralympics schafft, dann sind auch ihre Träume möglich.“
Acht Stunden kopfüber in den Trümmern
Der Weg zu diesem Moment war lang und schmerzhaft. 2010 wurde Étienne bei einem verheerenden Erdbeben in einem vierstöckigen Betongebäude verschüttet. Sein Bein wurde unter dem Gewicht des Betons zerquetscht. „Acht Stunden hing ich kopfüber!“, erinnert sich der Haitianer. Die Rettungskräfte mussten ihn aus dem Gebäude herausschneiden.
Die Situation verschlimmerte sich noch: Da die gesamte Infrastruktur und das Gesundheitssystem zerstört waren, musste Étienne von Helfern mit einer Schubkarre über einen Tag lang ins nächstgelegene Krankenhaus geschoben werden. Dort wartete er eine Woche auf eine ärztliche Untersuchung und verlor schließlich sein linkes Bein. „Ich beschloss damals: Wenn ich das überlebe, werde ich herausfinden, wie ich mein Leben in den Dienst anderer stellen kann“, so Étienne.
Von der Schubkarre in die Alpen
Noch im selben Jahr flog der Haitianer in die USA, um sich um eine Beinprothese zu bemühen und eine Ausbildung zu starten. Während seines College-Studiums kehrte er immer wieder in die Karibik zurück, um in einem der ärmsten Länder der Welt zu helfen:
- Verteilung von über 40.000 Brillen in seiner Heimat
- Unterstützung beim Wiederaufbau von 700 Häusern nach Hurrikan „Matthew“ 2016
- Gründung eines neuen Kinderzentrums
Nach seinem Universitätsabschluss 2022 startete Étienne beruflich durch und begann an der Wall Street als Investmentbanker. Erst 2024 entdeckte er seine Leidenschaft für den paralympischen Skisport.
Der steinige Weg zu den Paralympics
Da die US-Einwanderungsbehörden Trainingsreisen erschwerten, organisierte Étienne seinen Umzug nach London, um den Alpen näher zu kommen. Neben seiner Arbeit suchte er ohne Unterstützung von Regierung oder Skiverband Hilfe in der Schweiz. „Innerhalb weniger Wochen habe ich mein eigenes Team zusammengestellt“, berichtet er. „Oft verließ ich das Büro um 2 Uhr nachts, um dann um 6 Uhr morgens von London in die Schweiz zu fliegen. Es war ein ständiger Kreislauf: Büro, Flughafen, Berge und zurück an den Schreibtisch.“
Die große Belohnung in Cortina d'Ampezzo
Nun erhält Étienne seine große Belohnung. Selten passte das olympische Motto „Dabei sein ist alles“ besser als bei diesem karibischen Skifahrer. Mit feuchten Augen sagt er: „Dass ich es aus den Trümmern des Erdbebens noch auf die Gipfel der Alpen zu den Paralympics geschafft habe, hätte ich mir nie erträumt.“
Seine Geschichte ist mehr als nur eine Sportgeschichte. Sie ist ein Beweis für menschliche Widerstandsfähigkeit, Entschlossenheit und die Kraft, Träume zu verwirklichen – egal unter welchen Umständen.



