Wenn in der Nacht zu Mittwoch deutscher Zeit (3 Uhr) Titelverteidiger Argentinien mit dem Spiel gegen Algerien in die WM startet, sind die Erwartungen im Land eher zwiespältig. „Auf der einen Seite bist du als amtierender Weltmeister Mitfavorit. Auf der anderen Seite ist dieser Tage einmal mehr der typische argentinische Pessimismus zu spüren“, sagt Wolfgang Muno, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Regierungslehre in Rostock und ausgewiesener Argentinien-Experte.
Pessimismus auf und neben dem Platz
Dieser Pessimismus bezieht sich zum einen auf die zu erwartenden Leistungen auf dem Platz. Lionel Messi ist inzwischen 38 Jahre alt, war zuletzt verletzt. Und seine Leistungen bei Inter Miami in der Major League Soccer sind schwer vergleichbar mit früheren Jahren, als er das Spiel des FC Barcelona lenkte.
Damit verbunden herrscht aber auch ein gewisser Pessimismus, was die Ablenkung von den Alltagssorgen angeht. „Wenn sie gewinnen, gibt es einen kleinen Wirtschaftsboom. Wenn sie verlieren, wird es noch schlimmer“, umschreibt Muno den Zusammenhang der WM und der wirtschaftlichen Situation. Die harten Sparmaßnahmen und die Deregulierung unter Präsident Javier Milei sorgen dafür, dass die argentinische Wirtschaft zwar wächst. Gleichzeitig leidet die breite Bevölkerung unter den sinkenden Realeinkommen und einem drastischen Kaufkraftverlust.
Kritik an Mileis Privatisierungsplänen
Und gerade im Fußball sind nicht viele Menschen gut auf Milei zu sprechen. Der Präsident möchte argentinische Fußballvereine für private Investoren öffnen, „ganz nach dem Vorbild von Paris Saint-Germain oder Manchester City“, sagt Muno. Auch andere Befürworter wie Mauricio Macri, der frühere Chef der Boca Juniors und spätere Staatspräsident, argumentieren, dass frisches Geld die internationale Wettbewerbsfähigkeit stärken würde. Argentinische Klubs haben seit Jahren die Copa Libertadores, die Champions League in Südamerika, nicht mehr gewonnen.
Aber der Widerstand gegen dieses Vorhaben ist gewaltig. In Argentinien sind die Klubs nicht nur eingetragene Mitgliedsvereine, in denen Fans als Mitglieder mitbestimmen. „Viele Vereine übernehmen zudem soziale und kulturelle Funktionen in Schulen, Internaten und bei Kulturveranstaltungen – besonders auf Stadtteilebene“, sagt Muno. „Und Kritiker befürchten, dass diese Gemeinschaftsfunktionen wegfallen würden, sobald nur noch der Spielbetrieb zählt.“
Die politische Rolle der Fußballstars
Brasiliens Altstar Neymar hat in früheren Jahren regelmäßig Sympathien für den rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro bekundet, der später wegen eines geplanten Umsturzes zu mehr als 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Die argentinischen Stars um Messi äußern sich öffentlich nicht zum politischen Geschehen in ihrem Land.
„Der Letzte, der eine solche Rolle explizit einnahm, war Diego Maradona“, sagt Muno. „Er war explizit politisch links, ließ sich Che Guevara tätowieren, positionierte sich gegen US-Imperialismus.“ Und genau deshalb hat er in dem Land eine Bedeutung, die weit über den Status eines Fußballidols hinausgeht. „Er wird geradezu mythisch verklärt, fast religiös verehrt“, sagt Muno. Es gibt sogar die „Iglesia Maradoniana“ als eingetragene Religionsgemeinschaft.
Bei einer Forschungsreise 2019 übernachtete der Politikwissenschaftler zufällig im selben Hotel wie Maradona, als dieser das Traineramt beim argentinischen Erstligisten Gimnasia y Esgrima La Plata übernommen hatte. „Der Hype damals war immer noch gewaltig“, sagt Muno. „Da gab es riesige Schlangen vor der Vereinszentrale, plötzlich wollten alle Trikots kaufen und Mitglied werden.“
Messi versus Maradona
Trotz seiner Popularität und seiner Erfolge habe Messi längst nicht einen solchen Stellenwert in dem Land, sagt der Argentinien-Experte. „Messi ist ein Fußballidol, aber keine Kultfigur in demselben Sinne – er ist zu bürgerlich, zu früh nach Barcelona gegangen, es gibt zu wenig Drama in seinem Leben.“ Maradona wuchs im bitterarmen Elendsviertel Villa Fiorito auf, einer der ärmsten Vorstädte am Rande von Buenos Aires. Und er war nicht belastet durch die WM 1978, die im Zeichen der Militärjunta stand. Trainer César Luis Menotti hatte in den damals 17 Jahre alten aufstrebenden Jungfußballer noch nicht das Vertrauen, um ihn zu nominieren.
Die WM 1978 und die Gegenwart
Dieses Turnier spielte zuletzt wieder eine größere Rolle, weil vor dem Anpfiff der WM 2026 häufiger die These aufgestellt wurde, dass es sich bei der aktuellen Weltmeisterschaft um die politischste aller Zeiten handelt. Häufig wurde dabei aber auch auf die WM 1978 verwiesen. Muno sagt: „Es gab auch in Deutschland große Diskussionen über die WM in der Militärdiktatur, das wird aber inzwischen oft vergessen. In Argentinien allerdings ist diese WM sehr präsent.“
Die Militärjunta habe sich mit diesem Titel geschmückt, sagt Muno. Während es für viele Menschen in Argentinien an eine Zeit erinnert, die geprägt war von massiven Menschenrechtsverletzungen. Nach seinen Beobachtungen versucht Präsident Milei, die Militärdiktatur zu relativieren. „Während die Opposition immer wieder betont, dass man das Ganze noch weiter aufarbeiten müsste.“
Blick auf das Turnier
In den kommenden Tagen wird der Fokus allerdings mehr darauf liegen, wie sich die aktuelle Albiceleste im Turnier schlägt. Vor vier Jahren gab es zum Auftakt übrigens eine 1:2-Niederlage gegen Saudi-Arabien, und zunächst sahen sich alle Pessimisten bestätigt. Um dann anschließend als geschlossene Einheit den Titel zu holen.
Politikwissenschaftler Muno weilte am Finaltag des Katar-Turniers in Panama und machte eine interessante Beobachtung: „Argentinien gilt in der Region als arrogant“, sagt er, „und die jeweiligen Länder gönnen sich gegenseitig keine Erfolge.“ In Panama aber trugen plötzlich viele Menschen argentinische Trikots – „aus Süd-Solidarität gegen Frankreich als Vertreter des ,Nordens’.“ Nach dem Elfmeterschießen hätten die Menschen in Panama sogar auf der Straße getanzt.
Im letzten Test vor der aktuellen WM hatten sich Messi und seine Kollegen mit 3:0 gegen Island durchgesetzt und dabei eine ansprechende Form gezeigt. Dennoch sind im Land nicht wenige Menschen der Meinung, dass sich ein Erfolg wie 2022 nur schwer wiederholen lässt. Aber ein gewisser Pessimismus gehört eben zur Identität vieler Argentinier.



