Ja, es war ein episches Fußballspiel. Ja, es war ein elektrisierendes Neun-Tore-Spektakel. Ja, es war ein dramatisches Match für die Geschichtsbücher. Ja, es war ein außergewöhnliches Spiel, von dem man später seinen Enkeln erzählen kann. Aber nein, die Bayern werden das Finale in der Champions League nicht erreichen – und nächsten Mittwoch gegen Paris Saint-Germain ausscheiden.
Kimmich und Pavlovic sind so keine Sechser
Die Bayern haben in den vergangenen vier Spielen gegen Real Madrid, den VfB Stuttgart, Mainz 05 und eben Paris sage und schreibe 13 Gegentore kassiert. Mehr als drei Tore im Schnitt. Und das, obwohl sie mit Manuel Neuer einen der immer noch weltbesten Keeper zwischen den Pfosten haben, obwohl sie mit Jonathan Tah und Dayot Upamecano über ein exzellentes Innenverteidiger-Duo verfügen. Wie passt das zusammen?
Ganz einfach: Die Bayern spielen ohne Sechser, ohne defensives Mittelfeld. Die Königsdisziplin des modernen Fußballs ist bei der Truppe von Vincent Kompany größtenteils verwaist. Dort, wo Fußballspiele entschieden werden, sind die Bayern in entscheidenden Situationen nicht präsent.
Joshua Kimmich und Alexander Pavlovic sind zweifellos hervorragende Fußballer – pressen hoch, kurbeln an, legen auf, verfügen über eine tolle Mentalität. Aber: Sie lassen ihre Innenverteidiger im Stich.
Der Abstand zwischen Kimmich und Pavlovic auf der einen und Upamecano und Tah auf der anderen Seite ist viel zu groß, das riesige Loch zwischen Abwehrzentrum und Mittelfeldzentrale so episch wie das Spiel im Prinzenpark – da kannst du als Innenverteidiger noch so schnell und zweikampfstark sein: Wenn die gegnerischen Mittelfeldspieler ständig aufdrehen können und freies Feld, freien Fuß und freien Blick Richtung Bayern-Abwehr haben, ist das auf diesem Weltklasse-Niveau auf Dauer nicht zu verteidigen.
Die Defensive gewinnt Meisterschaften
Was in der fußballerisch deutlich schwächeren Bundesliga mit dem Motto „Solange wir aufgrund unserer wahnsinnigen Offensivstärke immer ein Tor mehr schießen als wir kassieren“ stets funktioniert und kompensiert wird, führt in der Königsklasse am Ende zum Aus. Nicht umsonst heißt die alte Fußball-Weisheit auf allerhöchstem Niveau: Die Offensive gewinnt Spiele – die Defensive gewinnt Meisterschaften.
Allen Bayern-Fans, für denen diese Zeilen ein Stich ins eh schon verwundete Herz sind, taugt vielleicht dieser Satz als Balsam auf die geschundene Seele: Kompany, Kimmich und Co. sind viel zu schlau, als dass sie diesen Fehler nicht erkennen. Jetzt müssen sie „nur“ bereit sein, ihn pragmatisch im Sinne des Erfolgs zu korrigieren und etwas ihre Philosophie der brutal-offensiven 1:1-Verteidigung über den ganzen Platz hinweg leicht anzupassen. Heißt konkret: Die Abstände zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen kompakter halten, das Spielfeld dadurch wieder „verkleinern“. Dann drehen die Bayern das Ding vielleicht doch noch...



