Der große Bayern-Vergleich: Heutiges Team gegen die Triple-Legenden von 2020
Beim FC Bayern München herrscht derzeit die beste Stimmung seit der historischen Triple-Saison 2019/20. Doch die entscheidende Frage bleibt: Kann die aktuelle Mannschaft auch sportlich und qualitativ mit jener legendären Formation mithalten, die vor sechs Jahren alle drei großen Titel gewann? Die AZ unternimmt einen umfassenden Head-to-Head-Vergleich aller Mannschaftsteile.
Torwart: Neuer im Kampf gegen den Zahn der Zeit
Für Manuel Neuer fällt der direkte Vergleich mit seiner eigenen Vergangenheit besonders hart aus. Der Bayern-Kapitän muss sich mit der absolut besten Version seiner selbst messen – und diese hatte er zweifellos während der Triple-Saison. Damals, mit 34 Jahren, stand der Weltmeister von 2014 auf dem absoluten Höhepunkt seiner Karriere und zeigte im Champions-League-Finale gegen Paris Saint-Germain schier übermenschliche Reflexe.
Heute, mit 39 Jahren, zählt Neuer zwar immer noch zu Europas besten Torhütern und ist zu herausragenden Paraden fähig. Doch die zahlreichen Verletzungen der vergangenen Jahre haben Spuren hinterlassen. Der Torwart ist fehleranfälliger geworden und strahlt nicht mehr jene Aura des Unüberwindbaren aus, die ihn einst zum vielleicht besten Torhüter aller Zeiten machte. Der Punkt in diesem Vergleich geht klar an die Version von 2020.
Abwehr: Die Viererkette im direkten Duell
In der Verteidigung des Finalteams von 2020 fanden sich mit Alphonso Davies und Joshua Kimmich zwei Spieler, die auch heute noch zum Bayern-Kader gehören. Damals komplettierten Jérôme Boateng und David Alaba die Viererkette, während heute Jonathan Tah, Dayot Upamecano und Konrad Laimer neben Davies agieren.
Statistisch betrachtet liegen beide Abwehrreihen auf ähnlichem Niveau, wie der Schnitt von etwa einem Gegentor pro Spiel unterstreicht. Allerdings lässt die heutige Defensive mit 10,1 Schüssen pro Spiel etwas mehr zu als die von 2020 (8,8 Schüsse). Zudem profitierte die Triple-Abwehr davon, dass mit Alaba ein Linksfuß den linken Part übernahm, was dem Aufbauspiel enorm entgegenkam. Davies befand sich damals zudem in absoluter Top-Form – ein Niveau, von dem er nach seinen Verletzungen der vergangenen Monate noch etwas entfernt ist. Auch hier gewinnt die Abwehr von 2020.
Mittelfeld: Kreativität gegen physische Präsenz
Das Herzstück der Triple-Mannschaft bildeten damals Thiago und Leon Goretzka – eine perfekte Mischung aus technischer Veranlagung und physischer Dominanz. Thiago, oft als reiner Zauberfuß wahrgenommen, zeigte dabei mit einer Zweikampfquote von 61 Prozent auch enorme defensive Qualitäten.
Heute bilden Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlovic die Doppel-Sechs. Diese besticht durch Kreativität und Präsenz im Zentrum, bringt aber etwas weniger eigene Torgefahr mit als die Vorgänger-Generation mit Goretzka auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Kimmich gibt dafür mit 2,1 fast doppelt so viele Torschussvorlagen pro Partie ab wie Thiago (1,1). Insgesamt nehmen sich beide Sechser-Generationen nicht viel – dieser Punkt geht daher an beide Teams.
Offensives Mittelfeld: Die gefährlichste Flügelzange Europas
2020 bestand die offensive Dreierreihe aus Thomas Müller als Platzhirsch auf der Zehnerposition, flankiert von Serge Gnabry und Kingsley Coman. Eine Formation, die durch Tempo, Kreativität und Stärke in Eins-gegen-Eins-Duellen bestach.
Die heutige Generation muss sich davor jedoch keineswegs verstecken. Mit Michael Olise und Luis Díaz verfügen die Bayern über das derzeit gefährlichste Flügelduo Europas, das mittlerweile sogar mit der legendären Robbéry-Vergangenheit verglichen wird. Beide vereinen beeindruckende Fähigkeiten im Eins-gegen-Eins mit enormer Torgefahr und Spielintelligenz. Komplettiert wird die offensive Dreierreihe wahlweise von Jamal Musiala, Serge Gnabry oder Supertalent Lennart Karl. Dieser Punkt geht knapp an die Bayern von heute.
Sturm: Kane gegen Lewandowski – das Duell der Jahrhundertstürmer
Damals wie heute können die Bayern auf den wahrscheinlich besten Torjäger der Welt bauen. 2019/20 trug Robert Lewandowski mit sensationellen 55 Toren und zehn Vorlagen in 47 Spielen entscheidend zum Triple-Sieg bei. Der Pole befand sich damals mit 32 Jahren in der absoluten Blüte seiner Karriere.
Heute übernimmt Harry Kane diese Rolle und spielt die beste Saison seit seiner Ankunft in München. Der Engländer kommt auf 45 Tore und fünf Vorlagen in 37 Partien. In fast allen relevanten Statistiken liegt Kane knapp vor Lewandowski: Er benötigt weniger Minuten pro Tor (67 gegenüber 75), hat eine bessere Chancenverwertung (31 Prozent gegenüber 25 Prozent) und verwertet auch Großchancen effizienter (56 Prozent gegenüber 52 Prozent).
Abseits der reinen Torquote ist Kane aufgrund seiner außergewöhnlichen Spielweise für seine Mannschaft sogar noch wertvoller. Der 32-Jährige agiert nicht nur als klassischer Neuner, sondern lässt sich tief zurückfallen, bestreitet zahlreiche Zweikämpfe und fungiert als verkappter Spielmacher. Dieser Punkt geht klar an Harry Kane.
Fazit: Ein knappes 3:3-Unentschieden
Der große Vergleich endet mit einem knappen 3:3-Unentschieden. Qualitativ kann die heutige Bayern-Generation durchaus mit der legendären Triple-Mannschaft von 2020 mithalten. Während die Abwehr und Manuel Neuer in seiner besten Version der Vergangenheit angehören, punktet das heutige Team vor allem im offensiven Bereich mit einer noch gefährlicheren Flügelzange und einem Harry Kane auf absolutem Weltklasseniveau.
Ob es in dieser Saison tatsächlich wieder für den großen Wurf reicht, müssen die kommenden Wochen in der Champions League und im DFB-Pokal zeigen. Die Voraussetzungen sind jedenfalls gegeben, und die Stimmung im Team erinnert stark an jene magische Triple-Saison vor sechs Jahren.



