Das blaue Auge des Kaisers: Beckenbauers gescheitertes Comeback in Bremen
Beckenbauers Comeback mit blauem Auge in Bremen

Das blaue Auge des Kaisers: Eine gescheiterte Rückkehr

Für ein Bundesligaspiel in Bremen hat der FC Bayern vor rund 30 Jahren den Mann reaktiviert, dem alles zu gelingen schien. Doch auch der Kaiser konnte nicht zaubern am Tag, als alle Welt sein blaues Auge sah. Die Atmosphäre zwischen Werder Bremen und dem FC Bayern war selten so angespannt wie Mitte der Neunzigerjahre.

Historische Rivalität und personelle Verwicklungen

Im Jahr 1995 lockten die Bayern nicht nur Otto Rehhagel an die Isar, sondern holten sich auch den Spielmacher Andy Herzog dazu. Als beide noch in Bremen aktiv waren, verdarben die Bayern am letzten Spieltag die Meisterschaft der Bremer. Im Frühjahr 1996 bahnte sich unmittelbar vor dem Spiel in Bremen ein spektakulärer Tausch an: Bayern gab Herzog zurück und holte dafür Mario Basler, obwohl sich in der Mannschaft Stimmen gegen den extrovertierten Scharfschützen erhoben.

Dann war da noch das Thema Otto Rehhagel. Der in Bremen weiterhin verehrte Kultcoach war eine Woche zuvor in München nach monatelangem Dauerfeuer aus den Reihen der Verantwortlichen gefeuert worden. Noch-Bayer Herzog unkte bereits: „Die Bremer werden doch nicht den Otto rächen wollen?“

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Die Meisterschaft auf des Messers Schneide

Es hätte dieses zusätzlichen Punktes der Brisanz nicht bedurft, denn die Lage war ohnehin explosiv. Vor jenem Nachholspiel am Dienstagabend des 7. Mai 1996 lagen die mit Dortmund punktgleichen Bayern drei Spiele vor Schluss auf Platz zwei. Werder Bremen konnte zum Zünglein an der Waage werden – und die Rechnung von 1995 begleichen, als Bayern sie mit 3:1 schlug und ihnen den Gewinn der Meisterschale verdarb. Mario Basler gab später zu: „Das hat uns immer noch sehr geärgert.“

Die Rückkehr des Kaisers

Das eigentliche Highlight für alle neutralen Zuschauer war indes das Trainer-Comeback von Franz Beckenbauer. Dem Kaiser haftete der Ruf an, alles zu Gold zu machen, was er anfasst. In diesem Fall hätte Silber schon genügt – also die Meisterschale, die Beckenbauer 1994 bereits geholt hatte, als der amtierende Vizepräsident eine halbe Saison lang auf der Bank saß.

1996 war er sogar schon Präsident und hatte nur vier Spiele Zeit, die Saison zu retten. Nach einem mühsamen Einstand mit einem 3:2 gegen Köln mussten sie nun an der Weser punkten. Angesichts des leichteren Restprogramms von Dortmund war ein Sieg fast schon alternativlos.

Ein blaues Auge und schlechte Vorzeichen

Doch die Sterne standen in jener Woche schlecht für den Kaiser. Am Montag vor dem Spiel traf ihn beim Training ein Ball ins Gesicht. Trotz Brille fügte ihm das Geschoss ein blaues Auge zu, was die Zuschauer des Pay-TV-Senders Premiere mit Erstaunen feststellten. So angeschlagen hatte man den Strahlemann noch nie gesehen.

Das Spiel: Von der Führung zur Niederlage

Dann ging es Punkt 20 Uhr los. Beckenbauers Pläne gingen zunächst auf. Er setzte überraschend auf den unter Rehhagel enttäuschenden Bulgaren Emil Kostadinov, und dieser schoss Bayern mit 2:0 in Führung (14., 23. Minute). Hätten sie diese Führung mit in die Pause genommen, wer weiß, wie das Spiel ausgegangen wäre?

Doch Bernd Hobsch verkürzte zur 1:2 (42. Minute), und nach der Pause verloren die Bayern den Faden. Währenddessen traten die Bremer, die im ungefährdeten Mittelfeld platziert waren, auf, als wären sie der Titelaspirant. Am Ende verlor der Gast mit 2:3. Matchwinner war Marco Bode, der ebenfalls doppelt traf (50., 65. Minute). Ein überragender Oliver Reck im Werder-Kasten hielt letztlich den verdienten Sieg fest.

„Die Bayern erlitten einen nie für möglich gehaltenen Einbruch und verspielten womöglich beim Angstgegner den Titel“, hieß es damals im Kicker. Jawohl, Angstgegner. Denn in Bremen waren die Bayern nun schon 17 Jahre sieglos geblieben.

Emotionen und Revanchegedanken

Werders Fans sangen spöttisch „Ohne Otto habt ihr keine Chance“, und Stürmer Hobsch gab zu: „Wir haben heute auch ein bisschen für Otto Rehhagel gespielt.“ Manager Willi Lemke beglich alte Rechnungen: „Die Bayern haben uns im Vorjahr die Meisterschaft geklaut, nun haben wir Revanche geübt. Es steht 1:1.“

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Die Folgen und interne Konflikte

Im Parallelspiel gewann Dortmund mit 2:0 gegen Leverkusen und war damit um drei Punkte enteilt. Zu viel für die Bayern in der Saison 1995/96, als bereits vom „FC Hollywood“ die Rede war. Abwehrchef und Kapitän Thomas Helmer deutete interne Konflikte im Starensemble an: „Wenn einige keine Lust haben, ist das kein Wunder.“

Lothar Matthäus, der am Vortag aus der Nationalmannschaft wegen Differenzen mit Bayern-Kollege Jürgen Klinsmann und Bundestrainer Berti Vogts zurückgetreten war, gratulierte bereits vorzeitig: „Die Schale ist in Dortmund, Glückwunsch.“

Beckenbauers Reaktion und das Ende der Saison

Beckenbauer schob die Schuld wenig gentlemanlike auf seinen Vorgänger: „Wir haben nicht heute den Titel verspielt, sondern vorher. Wer in vier Heimspielen nur zwei lächerliche Punkte holt, der verspielt die Meisterschaft. Nun können wir uns besser auf den Uefa Cup konzentrieren“, erklärte er und schlich angeschlagen aus dem Stadion.

Denn die Bayern gewannen dann tatsächlich den UEFA Cup, und so kamen sie und ihr Kaiser noch mit einem blauen Auge davon. Diese Episode bleibt als eine der denkwürdigsten in der Bundesligageschichte erhalten – ein Symbol für die Unberechenbarkeit des Fußballs und die menschliche Verletzlichkeit selbst der größten Legenden.