Vor 40 Jahren: Bundesliga-Drama mit dem FC Bayern als Profiteur
Bundesliga-Drama 1986: Bayern profitiert von VfB-Legende

Vor 40 Jahren entpuppt sich VfB-Legende Karl Allgöwer zum indirekten Meistermacher - und zwar ausgerechnet für den FC Bayern. In einem der legendärsten Herzschlagfinals der Bundesligageschichte ließ der Stuttgarter tausende grün-weiße Bremer Herzen brechen.

Karl Allgöwer, 69, kennt das schon. Alle fünf Jahre Ende April kommen sie wieder, die Anrufer, die die immer gleiche Geschichte hören wollen. Von dem Spiel, das er entschied – und damit auch die Deutsche Meisterschaft 1986. Am Sonntag, wenn sich das Ereignis zum 40. Mal jährt, werden sie wieder aufeinandertreffen, die Mannschaften des VfB Stuttgart und des SV Werder Bremen und „Karle“ im Stadion sein, wo er am „Legendentisch“ die Mitstreiter von früher anzutreffen hofft.

Dass ihnen an diesem Tag die Gesprächsthemen nicht ausgehen werden, dürfte klar sein. Auf SPORT1 beginnt die Zeitreise in eine Epoche, da Meisterschaften beinahe regelmäßig am letzten Spieltag entschieden wurden, schon etwas früher. Zwei Tage vorher bereits sprach Allgöwer mit SPORT1 und unterbrach dafür sogar sein Training im Fitnessstudio. Er tat es gern, die Erinnerung an den 26. April 1986 ist zu schön.

Breites Pickt-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App für Telegram

„Haben damit gerechnet, dass es kein gutes Spiel wird“

Das ganze Jahr über hechelten die Münchner Bayern Werder Bremen in der Saison 1985/86 hinterher. Am 33. Spieltag wehrten sie im direkten Duell in Bremen (0:0) einen Matchball ab – weil der berühmte Kutzop-Elfmeter an den Pfosten prallte. So hatten sie noch eine kleine Chance, sofern sie das Heimspiel gegen Mönchengladbach gewinnen würden und der VfB Stuttgart die Bremer schlüge.

Der VfB war im Gegensatz zu den Gladbachern noch motiviert, brauchte einen Punkt, um in den UEFA-Pokal (heute Europa League) zu kommen. Allgöwer: „Uns wäre es natürlich lieber gewesen, der Elfmeter von Kutzop hätte gesessen. So brauchten beide Mannschaften noch einen Punkt. Eigentlich haben wir damit gerechnet, dass es kein gutes Spiel wird und waren darauf eingestellt, nur auf Konter zu spielen.“

Am letzten Spieltag: Bayern zieht an Werder vorbei

Dies habe der VfB eigentlich auch von Bremen erwartet, so Allgöwer: „Doch dann hat Werder-Trainer Otto Rehhagel einen taktischen Fehler gemacht. Die Bremer haben in den ersten fünf Minuten voll angezogen und uns gezwungen, voll dagegen zu halten.“ Im eigenen ausverkauften Stadion wollte sich der VfB nicht die Butter vom Brot nehmen lassen. In solchen Spielen, weiß Allgöwer, „entscheidet sich oft schon in den ersten Minuten, ob du vor einem Gegner Respekt hast oder ob man ihn ablegen kann. Und wir haben schnell gemerkt: ‚Heute haben wir einen guten Tag.‘ Außerdem hatten wir 62.000 Zuschauer im Rücken, da mussten wir uns ja auch wehren.“

In solchen Spielen sei es häufig elementar, „wer das erste Tor macht“ – und das war der VfB, das war Allgöwer. In der 22. Minute überwand der Mann, der unbedingt noch mit zur WM nach Mexiko wollte, Dieter Burdenski im Werder-Tor erstmals. Plötzlich war in der Blitztabelle der FC Bayern, den Lothar Matthäus schon nach elf (!) Sekunden in Führung gebracht hatte, Erster. Das waren sie auch zur Halbzeit. In München stand es da schon 2:0, von den von Jupp Heynckes trainierten Borussen war offenbar keine Schützenhilfe für Werder zu erwarten. Die Bremer mussten sich selber helfen, aber der VfB kannte keine Gnade.

Werder-Spieler forderten VfB auf, zur Seite zu gehen

Der überragende Allgöwer erhöhte nach 52 Minuten sogar auf 2:0 und allmählich dämmerte den DFB-Funktionären, dass es ein Fehler war, das Original der Meisterschale nach Stuttgart gebracht zu haben. Allgöwer berichtet Jahrzehnte später von einem eher ungewöhnlichen Bremer Ansinnen, nachdem sie in der 79. Minute auf 2:1 verkürzt hatten: „Als Burgsmüller traf, wurde es noch mal spannend. Und zum Schluss haben sie uns tatsächlich gebeten, doch mal einen Schritt zur Seite zu gehen. Aber so was kam für uns nicht in Frage, wir haben uns bis zuletzt sportlich verhalten und waren nicht bereit, plötzlich locker zu spielen.“

Pickt After-Article-Banner — kollaborative Einkaufslisten-App mit Familien-Illustration

So blieb es bis zum Schluss ungeheuer spannend, in München interessierte sich keiner mehr für das Spiel der Bayern, die schon 6:0 führten. BR-Reporter Gerd Rubenbauer berichtete seinen Hörern: „An der Anzeigetafel leuchtet das Ergebnis auf: 2:1, spannender könnte das Finale um die deutsche Fußballmeisterschaft nicht sein … Es ist ganz ruhig im Stadion, es ist so, als würden sie alle lauschen wollen, auch auf der Bank, wie es in Stuttgart weitergeht.“

Bundesliga 1986: Stuttgart-Sprechchöre in München

Die Südkurve feuerte schließlich eine Mannschaft an, die gar nicht da war: „Es gibt Stuttgart-Stuttgart-Sprechchöre im Münchner Olympiastadion“, vermeldete Rubenbauer. In München war das Spiel eher aus, wobei die Spieler selbst es einfach 40 Sekunden zu früh beendeten, sie hatten einen Pfiff von Schiedsrichter Wolf-Günther Wiesel missdeutet. „Die Bayern gingen einfach vom Feld, feierten verfrüht, weil sie dachten, das Spiel in Stuttgart sei zu Ende. Herr Wiesel ist nicht mehr in der Lage, die beiden Teams zurückzubringen“, hieß es im Radio. Beim Stand von 6:0 gab es aber niemanden mehr, der auf die verbliebene Spielzeit pochte.

Nun klebte das ganze Stadion am wichtigsten Utensil bei Herzschlagfinals im vergangenen Jahrhundert: dem Transistorradio. Wer eins hatte, wurde regelrecht belagert. Dann fielen die eher sachlichen Worte von SR-Sprecher Gerd Million aus dem Neckar-Stadion, die doch so viele Emotionen auslösten: „Und dann ist Burgsmüller da, aber Jäger greift zu. Oh! Das ist doch alles recht kritisch geworden noch einmal, und dann ist das Spiel zu Ende.“

Bayern-Coach Lattek bemitleidet Rehhagel

In einem der emotionalsten Momente der Bundesligahistorie fanden sogar zwei einander in herzlicher Abneigung verbundene Trainer ein Stückchen zueinander. Bayerns Udo Lattek sagte mit treuem Augenaufschlag: „In der Bremer Mannschaft wird es jetzt riesengroße Probleme geben. Otto Rehhagel, tut mir echt leid.“

Das Drama auf zwei Bühnen wäre ohne die Nebendarsteller kein solches geworden. Während Borussen-Trainer Jupp Heynckes verschämt sagte „Ich weiß nicht, wie einige Spieler die berechtigten Vorwürfe aus Bremen jetzt entkräften wollen“, war Allgöwer „froh, dass es so ausging und nicht unentschieden, was vorher alle gedacht hatten“.

„Es war eine sportlich saubere Angelegenheit – und das war gut so.“ Sie brachte ein absolutes Novum zustande: zum ersten und noch immer einzigen Mal wurde eine Mannschaft Meister, die nur am letzten Spieltag auf Platz eins stand – die Bayern!