Ein turbulentes Jahr an der Hertha-Seitenlinie: Stefan Leitls Bilanz nach 365 Tagen
Genau ein Jahr ist es her, seit Stefan Leitl die Verantwortung als Cheftrainer bei Hertha BSC übernommen hat. Am 17. Februar 2025 übernahm der 48-Jährige den Hauptstadtklub in einer äußerst prekären Situation. Damals belegte Hertha nur den 15. Tabellenplatz, die Abstiegsangst war allgegenwärtig und die drohende Drittklassigkeit schwebte wie ein Damoklesschwert über dem Verein.
Zwei völlig unterschiedliche Spielzeiten unter neuer Führung
Leitl gelang es sofort, das Team zu stabilisieren und eine bemerkenswerte Aufholjagd zu starten. Aus seinen ersten zehn Spielen holte der Trainer stolze 18 Punkte und führte Hertha damit ins gesicherte Mittelfeld der Zweiten Liga. Doch mit dem Sommer kam die große Wende in der Klubstrategie: Die Vereinsführung rief offiziell den Aufstieg als Saisonziel aus.
Dieser Richtungswechsel brachte massive personelle Veränderungen mit sich. Wichtige Leistungsträger wie Jonjoe Kenny, Ibo Maza und Derry Scherhant verließen den Verein, während gleichzeitig teure Neuzugänge nach Berlin kamen. Paul Seguin und Torjäger Dawid Kownacki gehörten zu Leitls Wunschspielern, und Superstar Fabian Reese verlängerte seinen Vertrag. Das Ergebnis war der mit Abstand teuerste Kader der gesamten Zweiten Liga – und entsprechend maximale Erwartungen an Trainer und Mannschaft.
Verletzungsdrama und wechselhafte Leistungskurven
Das große Pech für den gebürtigen Münchner in der Hauptstadt: Ein vielversprechender Saisonstart wurde durch eine verheerende Verletzungsserie zunichtegemacht. Zeitweise fehlte fast eine komplette Stammelf, besonders die Ausfälle von Klemens, Demme, Seguin und Kownacki trafen das Team hart. Aus der zweiten Reihe konnte sich lediglich das Supertalent Kennet Eichhorn empfehlen, der nun allerdings selbst verletzungsbedingt für die gesamte Rückrunde ausfällt.
Die Konsequenz dieser personellen Engpässe war deutlich sichtbar: Hertha lief von Beginn an den Konkurrenten hinterher. Doch Leitl bewies Nervenstärke und setzte sein verbliebenes Personal clever ein. Im Herbst folgte daraufhin eine beeindruckende Serie mit fünf Siegen in direkter Folge – plötzlich war Hertha wieder voll im Aufstiegsrennen vertreten. Allerdings bremsten über den Jahreswechsel acht Spiele mit nur einem einzigen Sieg den aufkommenden Schwung erheblich. Aktuell belegt Hertha den sechsten Tabellenplatz mit sieben Punkten Rückstand auf den begehrten Relegationsplatz.
Die erkennbare Leitl-Handschrift im Spielsystem
Die taktische Prägung des Trainers ist unverkennbar in der Mannschaft angekommen. Defensiv stabil organisiert, schnelles Umschaltspiel und viele Flankenläufe charakterisieren das Hertha-Spiel unter Leitl. Der Trainer kennt die Zweite Liga wie kaum ein anderer – schließlich gelang ihm 2021 mit Fürth der sensationelle Bundesliga-Aufstieg, bevor er Ende 2024 in Hannover überraschend entlassen wurde.
Herthas Fußball präsentiert sich oft zweckmäßig und effektiv statt spektakulär und verspielt. Das einzige wirkliche Fußballfest dieser Saison war das beeindruckende 6:1 im Pokal-Achtelfinale gegen den 1. FC Kaiserslautern. Ansonsten dominiert der pragmatische Ansatz, der in der Zweiten Liga durchaus seine Berechtigung hat, wo es bekanntlich keinen Schönheitspreis zu gewinnen gibt.
Die nüchterne Bilanz nach einem kompletten Jahr
Unterm Strich stehen nach 34 Spielen unter Leitls Regie 53 Punkte zu Buche – ein Schnitt von 1,6 Zählern pro Partie. Diese Bilanz ist ordentlich, aber noch nicht aufstiegsreif. Der Trainer hat Hertha zweifellos neu belebt und eine eingeschworene Truppe geformt, die durchaus in der Lage ist, mit Bundesliga-Konkurrenten wie Freiburg mitzuhalten.
Doch genau hier liegt das grundlegende Problem: Diese Mannschaft kann in der Zweiten Liga gegen jeden Gegner gewinnen – aber ebenso gegen jeden verlieren. Es fehlt das gewisse Spitzenmannschafts-Gen, die Selbstverständlichkeit und Konsistenz eines echten Aufstiegskandidaten. Im Profifußball zählt am Ende nur der Tabellenplatz, und daran wird sich Stefan Leitl nach seiner ersten kompletten Saison bei Hertha BSC messen lassen müssen. Die warmen Worte der Vereinsführung werden dann nur noch sekundäre Bedeutung haben, wenn die Punktebilanz nicht stimmt.



