Die französische Nationalmannschaft startet an diesem Dienstag (21 Uhr) gegen Senegal in die Weltmeisterschaft. Die Vorfreude ist groß, aber auch die Angst vor einem Déjà-vu. Denn vor 24 Jahren erlebte die Équipe Tricolore ein ähnliches Szenario: Als Titelverteidiger mit einer überragenden Offensive reiste man zur WM nach Japan und Südkorea – und scheiterte bereits in der Vorrunde, ohne ein einziges Tor erzielt zu haben.
Historischer Vergleich: Platini als Maßstab
In der vergangenen Woche zog die renommierte Sportzeitung „L’Équipe“ einen großen historischen Vergleich. Nachdem Michael Olise vom FC Bayern München im Testspiel gegen Nordirland einen Hattrick erzielte, titelte das Blatt: „Spiel’s wie Platini!“ Drei Tore mit links, rechts und per Kopf – das schaffen nicht viele. Olise reiht sich damit in die Fußstapfen von Michel Platini, neben Zinedine Zidane der größte französische Fußballer aller Zeiten.
Die aktuelle Équipe Tricolore wird an diesem Maßstab gemessen. Trainer Didier Deschamps verfügt über ein Übermaß an Qualität, besonders in der Offensive: Neben Olise stehen Kylian Mbappé, Weltfußballer Ousmane Dembélé, Désiré Doué und Rayan Cherki im Kader. Die Erwartungen sind hoch, doch die Geschichte mahnt zur Vorsicht.
Das Debakel von 2002: Waterloo in Seoul
Vor 24 Jahren war die Ausgangslage ähnlich. Die Franzosen reisten als Titelverteidiger zur WM, mit Torschützenkönigen aus drei großen europäischen Ligen: Thierry Henry, David Trezeguet und Djibril Cissé. Das „Kicker“-Sonderheft sah sie „in der Offensive stärker denn je“. Doch der Auftakt gegen Senegal endete in einem 0:1-Debakel. „So muss es einst in Waterloo gewesen sein“, schrieb der „Kicker“ nach der Niederlage.
Frankreich schied als erster Weltmeister seit Brasilien 1966 in der Vorrunde aus – ohne ein einziges Tor. Die Startelf bestand bis auf Sylvain Wiltord aus Spielern, die vier Jahre zuvor Weltmeister geworden waren. Nur einer fehlte: Zinedine Zidane, der sich im letzten Test verletzt hatte. An seiner Stelle agierte Youri Djorkaeff als Spielmacher, aber eher schlecht als recht. In der 30. Minute unterlief ihm ein fataler Ballverlust, den Senegal zu einem Konter nutzte. Papa Bouba Diop traf nach einem ersten Abwehrversuch von Torwart Fabien Barthez im Sitzen zum 1:0.
Senegals Trainer Bruno Metsu, selbst Franzose, hatte vor dem Spiel prophezeit: „Ich weiß, dass die Menschen auf der ganzen Welt heute nach dem Spiel über uns sprechen werden.“ Er behielt Recht. Die Westafrikaner erreichten später das Viertelfinale, wo sie knapp an der Türkei scheiterten. Frankreichs Trainer Roger Lemerre hoffte noch auf eine Wende: „Noch ist nichts passiert. Wenn wir beide Spiele gegen Uruguay und Dänemark gewinnen, sind wir in der Runde der letzten 16.“ Doch nach einem 0:0 gegen Uruguay und einem 0:2 gegen Dänemark war das Turnier beendet – ohne einen einzigen Treffer der Franzosen.
Die neue Chance: Geschichte wiederholt sich?
Angefangen hat alles gegen Senegal, und auch diesmal beginnt die WM für Frankreich gegen denselben Gegner. El-Hadji Diouf, einer der senegalesischen Helden von 2002, sagte der „L’Équipe“: „Ich will, dass sich die Geschichte wiederholt. Das wäre großartig. Man darf träumen. Wenn ich nur davon rede, habe ich schon Gänsehaut.“ Die Franzosen hoffen dagegen auf eine andere Wiederholung: Diesmal sollen die Qualitäten der Offensive zum Erfolg führen, nicht zum Debakel.
Die Équipe Tricolore ist gewarnt. Die Angst vor einem Déjà-vu ist präsent, doch die Mannschaft von Didier Deschamps hat die Chance, die bitteren Erinnerungen an 2002 zu tilgen. Am Dienstagabend wird sich zeigen, ob die Geschichte sich wiederholt – oder ob Frankreich einen neuen Weg einschlägt.



