Jürgen Klopp hat fassungslos auf den „Fall Balogun“ reagiert. „Wenn es tatsächlich so war, dass Trump und Infantino das miteinander ausgemacht haben, dann ist das verrückt, das stellt alles infrage“, sagte der designierte Bundestrainer in seiner Rolle als Experte bei MagentaTV: „Das ist unser Spiel, nicht deren Spiel.“
„Diese beiden Menschen, die beide keine Ahnung von Fußball haben, sollten gar nichts damit zu tun haben“, sagte Klopp weiter. Dann ging er noch mal auf das Foul von Balogun gegen Bosnien-Herzegowina ein, als dieser nach einem Luftduell unabsichtlich auf dem Knöchel seines Gegenspielers gelandet war: „Da gibt es keine zwei Meinungen. Das ist eine rote Karte. So leid uns das tut, weil Balogun will das nicht. Aber das sagen die Regeln.“
DFB-Präsident fordert Aufklärung
Der DFB-Präsident Bernd Neuendorf forderte die Fifa zwischenzeitlich in einer Stellungnahme dazu auf, Stellung zu den aktuellen Medienberichten zu beziehen: „Der Eindruck, dass es hier eine aktive Einflussnahme der Politik auf den Sport gegeben hat, muss zügig und schlüssig ausgeräumt werden. Es geht um die Integrität des Wettbewerbs und die Glaubwürdigkeit der FIFA.“
Derweil warnte der langjährige DFB-Sportgerichtschef Hans E. Lorenz im „Kicker“: „Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen.“
Ex-Fifa-Präsident Blatter: „Fußball darf nicht Spielball politischer Machtinteressen werden“
Auch Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) forderte die FIFA zur Aufklärung auf. Der Vizekanzler und Fußball-Fan sagte bei der Vorlage der Haushaltspläne der Bundesregierung in Berlin auf eine Frage hin: „Ich finde ja, dass Politik sich raushalten sollte aus Schiedsrichterentscheidungen, aber das muss die FIFA jetzt aufklären und transparent machen, ob es da wirklich Einfluss gegeben hat. Mehr will ich da nicht zu sagen.“
Der frühere FIFA-Präsident Joseph Blatter fand ebenfalls scharfe Worte für den Weg des Weltverbandes: „Rote Karten werden nicht durch politische Telefonanrufe aufgehoben. Sie werden auf der Grundlage von Regeln, Beweisen und durch unabhängige Gremien revidiert. Wenn ein US-Präsident beim FIFA-Präsidenten interveniert – und ein Spieler plötzlich vor einem K.-o.-Spiel der Weltmeisterschaft freigesprochen wird –, stellt sich unweigerlich die Frage: Quo vadis, FIFA?“, schrieb Blatter bei X. Der 90-Jährige ergänzte: „Der Fußball darf niemals zum Spielball politischer Machtinteressen werden.“
Auch der Sportjournalist und -kommentator Marcel Reif äußerte sich gegenüber der „SportBild Fußball“ zu den bislang unbestätigten Vorwürfen gegen den Fifa-Präsidenten: „Alle Despoten in der Geschichte haben irgendwann mal einen entscheidenden Fehler gemacht. Das könnte bei Infantino das eine Ding zu viel gewesen sein – intern.“ Er ergänzte: „Am besten, die Fifa löst sich auf, erfindet sich neu und entledigt sich all solcher Figuren wie Infantino.“
Schweinsteiger: „Es darf nicht dazu kommen, dass Staaten eingreifen“
Ex-Nationalspieler Bastian Schweinsteiger sagte zu dem Vorfall: „Es darf nicht dazu kommen, dass Staaten eingreifen.“ In der ARD ergänzte der TV-Experte: „Das geht nicht.“ Der ganze Vorgang werfe kein gutes Licht auf den Fußball-Weltverband. Er könne die Entscheidung „nicht nachvollziehen“.
Belgien wehrte sich – vergeblich
Der belgische Fußballverband (RBFA) hatte der Fifa nach der Aufhebung schwere Vorwürfe gemacht. Der Verband habe lediglich eine Kopie der Entscheidung und eine Erläuterung des Verfahrens verlangt. Als einzige Reaktion habe er ein Schreiben der Fifa erhalten, in dem sie die Korrespondenz kurzerhand als Berufung wertete – und gleichzeitig mitteilte, dass dem RBFA nur wenige Stunden blieben, diese zu vervollständigen.
Das Problem: Nach den eigenen Regularien der Fifa sei eine Berufung nur zulässig, wenn dem Berufungsführer zuvor die begründete Entscheidung zugestellt wurde. „Obwohl der RBFA lediglich berechtigte Erklärungen verlangte, konstruierte die Fifa selbst ein Berufungsverfahren und sorgte zugleich dafür, dass dieses als unzulässig eingestuft werden würde“, hieß es im Statement der Belgier.
Trainer Rudi Garcia hatte es vor dem Spiel so formuliert: „Wir verteidigen nicht Belgien, wir verteidigen den Fußball. Das ist das erste Mal in der WM-Geschichte, dass so eine Entscheidung getroffen wird. Ich wusste nicht, dass der 5. Juli bei der WM wie der 1. April ist. Es klingt wie ein schlechter Scherz.“
Nach dem Achtelfinal-Triumph über die USA feierte der RBFA Belgiens Sieg in den sozialen Medien mit einer Spitze in Richtung Donald Trump. Nach dem 4:1 postete der Verband bei X ein Bild von Torschütze Romelu Lukaku mit einer Hand am Ohr. Dazu hieß es: „Macht das mal rückgängig.“ Viele deuteten das als Anspielung auf US-Präsident Donald Trump, der mit einem Anruf bei FIFA-Präsident Gianni Infantino um eine Überprüfung der Rot-Sperre von Folarin Balogun gebeten hatte.
UEFA sieht „rote Linie überschritten“
Die Europäische Fußball-Union gab zwischenzeitlich in einem Statement bekannt: „Die gestrige Entscheidung, die Umsetzung der automatischen Sperre für ein Spiel nach der Roten Karte für den Spieler Folarin Balogun für eine Probezeit von einem Jahr auszusetzen, hat eine rote Linie überschritten.“ Die UEFA ergänzte: „Wir bringen unsere Fassungslosigkeit angesichts einer solch beispiellosen, unverständlichen und ungerechtfertigten Entscheidung zum Ausdruck.“
Die Institution hob indes hervor: „Eine automatische Mindestsperre von einem Spiel nach einer Roten Karte ist keine Ermessensentscheidung und erfordert keine Entscheidung einer zuständigen Instanz, um in Kraft zu treten. Es handelt sich um einen in den Vorschriften verankerten Grundsatz, der keinen Ausnahmen unterliegen darf.“ Andere Spieler in ähnlicher Situation hätten ihre Sperre verbüßt.
Pochettino und Tuchel: Rote Karte nicht gerechtfertigt
Die Meinungen hinsichtlich der Frage, ob die Rote Karte gegen Balogun gerechtfertigt sei, gehen indes auseinander. Wenig überraschend war US-Nationaltrainer Mauricio Pochettino mit der Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden gewesen. Nachdem die rote Karte von der Fifa nun aufgehoben wurde, sprach er davon, „diese faire Entscheidung“ zu feiern.
Auch Englands Nationaltrainer Thomas Tuchel gab zu Protokoll, dass es sich seiner Meinung nach nicht um eine Rote Karte gehandelt habe: „Ich denke, um ganz klar zu sein, dass es keine Rote Karte war.“ Deren Aufhebung durch die Fifa bewertete er indes anders als sein Kollege Pochettino. Nach dem 3:2-Achtelfinalsieg seiner Mannschaft gegen Mexiko sagte er: „Wer kippt diese Entscheidung dann – und wann? Und auf welcher Grundlage? Wie weit geht das jetzt? Es ist einfach seltsam für mich. Wir wollen einfach Konsistenz in den Entscheidungen haben.“
Weitere Kritik: „Fall Balogun“ als Präzedenzfall?
Norwegens Nationaltrainer Stale Solbakken äußerte sich ebenfalls zur Entscheidung der Fifa. Es sei „eine schlechte, schlechte, schlechte Entscheidung, die der WM schaden wird“, sagte er nach dem 2:1-Achtelfinalsieg seiner Mannschaft gegen Brasilien, „ein großer Fehler“. Er verwies darauf, dass der „Fall Balogun“ einen gefährlichen Präzedenzfall schaffe. „Was ist mit der nächsten Roten Karte? Was passiert dann? Wird es künftig irgendwo ein Gremium geben, das solche Karten einfach wieder aufhebt?“, fragte Solbakken.
Dies scheint auch eine Sorge von Thomas Tuchel zu sein, dessen Mannschaft ebenfalls weiterhin im Turnier dabei ist. „Legen wir jetzt Berufung ein, wenn eine Gelbe Karte keine Gelbe Karte ist?“, fragte Englands Nationaltrainer. „Wo fängt es an und wo hört es auf?“ Auf die anschließende Frage eines Journalisten, ob man vielleicht US-Präsident Donald Trump fragen sollte, sagte Tuchel: „Vielleicht. Das ist ein guter Startpunkt.“
Zwischenzeitlich äußerte sich auch der Vorstandsvorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbunds, Otto Fricke, zu dem Vorfall und kritisierte gegenüber dem „Spiegel“-Magazin: „Es schadet dem Sport insgesamt, wenn der Anschein entsteht, dass auf Entscheidungen des Sports durch die Politik Einfluss genommen wird.“ Er betonte: „Fairness, Transparenz und die Unabhängigkeit des Sports sind zentrale Voraussetzungen für seine Glaubwürdigkeit.“
Kritik an Fifa-Entscheidung auch aus der Politik
Die sportpolitische Sprecherin der Grünen, Tina Winklmann, und der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Konstantin von Notz sagten am Montag der Nachrichtenagentur AFP: „Eine Fifa, die nach einem Anruf des US-Präsidenten sportrechtliche Sanktionen verändert, verspielt jeden Anspruch auf Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit.“ Von der Fifa verlangten sie eine lückenlose Aufklärung des gesamten Vorgangs. „Fair Play ist kein Werbeslogan.“ Es müsse „gerade dann gelten, wenn mächtige Männer glauben, für sie könnten andere Regeln gelten“.
Die SPD-Bundestagsabgeordnete und Vorsitzende des Sportausschusses, Aydan Özoğuz, sagte gegenüber dem „Spiegel“: „Die Fifa muss jetzt schnell und schlüssig für Transparenz sorgen.“ Sie ergänzte: „Eine Entscheidung auf dem Platz, die in Hinterzimmern revidiert werden kann, erschüttert das Vertrauen in die Fifa einmal mehr.“ Derweil forderte der CDU-Abgeordnete Fritz Güntzler, Kapitän der Fußballmannschaft des Bundestages, ebenfalls im „Spiegel“, dass hier auch der Deutsche Fußballbund gefordert sei und Klarheit schaffen müsse.
Derweil betonte der EU-Kommissar für Sport, Glenn Micallef, in den sozialen Netzwerken: „Entscheidungen über sportliche Regeln und sportliche Angelegenheiten obliegen den Sportverbänden, nicht den Politikern.“



