Nagelsmanns WM-Erkenntnisse: Vier Gründe für Optimismus nach wildem Sieg in der Schweiz
Nach einem turbulenten 4:3 (2:2)-Sieg der deutschen Fußball-Nationalmannschaft gegen die Schweiz in Basel zieht Bundestrainer Julian Nagelsmann eine durchweg positive Bilanz. Elf Wochen vor dem WM-Start gegen Curaçao sieht der Trainer sein Team auf dem richtigen Weg Richtung Amerika – und hat dafür mindestens vier überzeugende Gründe parat.
Der Wirtz-Faktor: Ein Weltklasse-Spieler in Galaform
Florian Wirtz lieferte im St. Jakob-Park eine Leistung ab, die selbst erfahrene Fußball-Größen wie Rudi Völler, Lothar Matthäus und Tribünengast Joachim Löw beeindruckte. Der 22-Jährige erzielte zwei Tore und bereitete zwei weitere vor, womit er alle Zweifel an seiner Weltklasse ausräumte. „Er ist schon im Weltfußball ein Name. Und wenn er sich das beibehält, wird er über ganz, ganz lange Zeit ganz oben stehen“, jubilierte Nagelsmann förmlich über seinen Offensivstar.
Die Aussicht, mit Jamal Musiala bei der Weltmeisterschaft einen weiteren Spieler gleicher Güte im Vollbesitz seiner Fähigkeiten zur Verfügung zu haben, verspricht große Perspektiven für das deutsche Team. Die mögliche Wiederbelebung des „Wusiala“-Duos im neuen blauen DFB-Trikot könnte zum entscheidenden Faktor werden.
Charakterstärke unter Beweis gestellt
Trotz dreier leichtsinnig zugelassener Gegentore überzeugte Nagelsmann vor allem die Reaktion seiner Mannschaft auf die Rückschläge. Im Gegensatz zu den enttäuschenden Niederlagen gegen die Türkei und Österreich im Herbst 2023 wurden beide Rückstände wettgemacht, die Spieldominanz blieb erhalten und ein konstanter Spielplan war erkennbar. „Mentalitätsmäßig finde ich das schon sehr, sehr gut“, lobte der Bundestrainer.
Mittelfeldspieler Leon Goretzka betonte: „Ich glaube, was man positiv herausheben kann, ist, dass wir zurückgekommen sind.“ Auch Kapitän Joshua Kimmich, der mit einer dicken Lippe aus Basel zurückkehrte, zeigte sich trotz der drei Gegentore zufrieden mit dem Gesamtauftritt.
Defensivpatzer als korrigierbare Einzelfehler
Zwar wird Nagelsmann die Abwehrfehler intern thematisieren, doch sieht er darin kein strukturelles Problem. Selbst Nico Schlotterbeck, der mit Patzern im Spielaufbau zu zwei Gegentoren beitrug, erhielt ein mildes Urteil. „Er kriegt jetzt keinen Rüffel. Ich finde, er hat sich im Spiel gefangen. Das ist für mich das wichtige Zeichen“, erklärte der Trainer.
Diese Milde dient bewusst der Stärkung des Teamgefüges. Nagelsmann betonte, dass die Gegentore nicht auf systemische Defizite, sondern auf individuelle Fehlerketten zurückzuführen seien – was weniger beunruhigend sei. Für personelle Konsequenzen in der Abwehr sieht der Bundestrainer trotz bereitstehender Alternativen wie Antonio Rüdiger noch keinen Anlass.
Die Rückkehr von Kai Havertz
Nach 16 Monaten verletzungsbedingter Pause kehrte Kai Havertz ins Nationalteam zurück und wurde von Nagelsmann sofort wieder als Rollen-Anführer im Sturmzentrum eingesetzt – vor Nick Woltemade, der in der WM-Qualifikation die meisten Tore erzielt hatte. Obwohl der Arsenal-Angreifer ohne Torerfolg blieb, schuf er sechs bis sieben gefährliche Situationen.
„Er muss gesund sein und zu einer guten Fitness finden. Dann ist das für uns auf dem Niveau wie Florian Wirtz oder wie Jamal Musiala“, sagte Nagelsmann über Havertz und unterstrich damit die Bedeutung des Rückkehrers für die WM-Pläne.
Nicht alles perfekt: Der Sané-Malus
Nicht alle Aspekte des Spiels überzeugten vollständig. Während Ersatzspieler Angelo Stiller in der Zentrale wechselhafte Momente hatte, hinterließ vor allem Leroy Sané in der ansonsten starken Offensive Fragen. Sein Auftritt in der Schweiz war eine weitere vergebene Chance, auch wenn Nagelsmann dies freundlich zu relativieren versuchte und dem Bayern-Profi sogar ein Einsatzversprechen für das kommende Ghana-Spiel gab.
Dabei zeigte mit Lennart Karl bereits die Zukunft auf, was möglich ist. Der 18-jährige Bayern-Youngster überzeugte bei seinem Länderspieldebüt als der bessere Außenbahn-Flitzer. „Er wird uns in den nächsten Jahren sehr viel Spaß geben“, sagte Matchwinner Wirtz über seinen jungen Teamkollegen – möglicherweise schon bei der anstehenden Weltmeisterschaft.
Nach einem Reha-Training im Stadion des SC Freiburg und einem gemeinsamen Abendessen zur Teambildung bereitet sich die Nationalmannschaft nun auf den nächsten WM-Härtetest am Montag gegen Ghana in Stuttgart vor. Nagelsmanns Bilanz nach dem wilden Sieg in der Schweiz fällt trotz kleinerer Makel überwiegend positiv aus – elf Wochen vor Turnierbeginn ein vielversprechendes Signal.



