Wie es zum Gebet auf dem Platz kam: Das ist Nmechas Bibelkreis
Die deutschen Fans sprechen und rätseln weiter über die Gebets-Szene rund um DFB-Star Felix Nmecha (25). Bei unserem 7:1-Auftaktsieg bei der WM gegen Curacao versammelten sich der BVB-Profi, Bayern-Verteidiger Jonathan Tah (30) und fünf gegnerische Spieler am Mittelkreis. Mit umeinandergelegten Armen beteten sie gemeinsam auf dem Platz. „Wir alle glauben, dass Jesus durch das Spiel verherrlicht wird“, erklärte Nmecha hinterher.
Woher wussten die Spieler so schnell, dass sie derselben Religion angehören? Welche internationalen Stars gehören der Gemeinschaft noch an? BILD erklärt die spannenden Hintergründe.
Nmecha gehört zu einem christlichen Netzwerk
Ein entscheidendes Detail war für die Zuschauer im Houstener Stadion und auch im TV nicht erkennbar: Curacao-Reservist Kenji Gorré (31/Maccabi Haifa) trug an seinem rechten Arm, den er um Nmechas Rücken legte, zwei Bändchen. Eines in Blau mit der weißen Aufschrift „Ballers in God“, eines in Weiß mit dem zugehörigen Kürzel „BIG“. Dabei handelt es sich um ein globales christliches Netzwerk für Profifußballspieler, dem sich auch Nmecha zugehörig zeigt.
Spannend: Nmecha und Gorré sind seit Jahren enge Freunde. Beide spielten in ihrer Jugend in Manchester, Nmecha bis 2021 bei City, Gorré war 2002 von City in die Jugend von United gewechselt. Vor Nmechas 30-Mio-Wechsel aus Wolfsburg zu Borussia Dortmund sprachen beide in einem gemeinsamen Podcast von „Ballers in God“. Darin sagt Gorré: „Felix ist ein guter Freund von mir. Es war wirklich toll, aus erster Hand zu sehen, was Gott durch ihn in seinem Leben getan hat.“ Nmecha trägt in dem Format eine Halskette mit Kreuz.
Jetzt die Zusammenkunft bei der WM. Dem Gebetskreis wohnten unter anderem auch die Ex-Bundesliga-Profis Joshua Brenet (32/Hoffenheim) und Gervane Kastaneer (30/Kaiserslautern) bei. Zu einer ungewöhnlichen Aktion war es bereits bei der WM-Vorbereitung gekommen: Anfang Juni sollen viele Spieler und Trainer des Curacao-Kaders einen Open-Air-Gottesdienst in Noordwijk/Niederlande besucht haben, bei dem Gorré als Redner auftrat.
Was genau steckt hinter „Ballers in God“?
Gegründet wurde die Community vom britischen Ex-Fußballer John Bostock (34/u.a. Tottenham Hotspur). Als ihre Mission nennt sie, die globale Plattform Fußball zu nutzen, um Jesus bekanntzumachen. Auf der Website formuliert sie sogar: „Unser Ziel ist es, in jedem Fußballteam weltweit einen Spieler zu haben, der sich ganz dem Glauben verschrieben hat.“ Einige Stars aus England, Frankreich und den Niederlanden besitzen auf der Website ein eigenes Profil, darunter Ex-Köln-Profi Kingsley Ehizibue (31/Udinese). Die Community bietet auch religiöses Merchandise an, Nmecha bewirbt mit einem Zitat Schienbeinschoner mit der Aufschrift „Jesus loves you“.
Nmechas Glaube sorgte in der Vergangenheit mehrfach für Kontroversen. Einige Posts wurden von Kritikern als homophob kritisiert. 2023 veröffentlichte er einen Post, in dem die LGBTQIA+-Bewegung mit dem Teufel verglichen wurde. Er teilte auch einen Beitrag des US-Rechtsextremisten Matt Walsh, der sich gegen die LGBTQ-Rechte stellt. Hinterher ordnete er seine Äußerungen jeweils distanzierend ein.
Wie ist „Ballers in God“ einzuordnen?
BILD fragte Mental-Coach David Kadel (58, arbeitete zuletzt u.a. mit dem SC Freiburg). Der Autor („Was macht dich stark?“) ist selbst Christ und kennt die christlichen Bewegungen im Fußball. Er sagt: „’Ballers in God’ ist keine Kirche oder Sekte. Es gibt hier keine Richtlinien, wie genau jemand zu glauben hat. Hier organisieren sich Christen im Fußball, und das sehr erfolgreich. Wir haben schon in den 90ern damit angefangen. Wir hatten Gebetskreise auf Schalke mit Marcelo Bordon, Gerald Asamoah. Heiko Herrlich, Ze Roberto, sie alle haben Jesus auf dem Platz gefeiert. Jürgen Klopp ist Christ und hat in Interviews darüber gesprochen. Aber mit dem Wumms von Insta und Co. hat das jetzt eine andere Kraft. Die Jungs heute treffen sich regelmäßig zu Bibelkreisen in Video-Konferenzen. Hier haben sie auch den Kronen-Jubel verabredet, bei dem der Torschütze eine imaginäre Krone ablegt. Die Botschaft: ’Nicht ich bin der Star, Jesus soll gefeiert und gekrönt werden.’“
Und weiter: „Klar, dass das manche irritiert. Demut und Fußballgötter, das passt erstmal nicht zusammen. Aber wir Christen glauben: Demut ist die Formel für Erfolg.“
Diplom-Theologe Christoph Grotepass von der Sekten-Info Nordrhein-Westfalen (berät Betroffene „von neuen, religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen“), sieht „Ballers in God“ kritischer. Er sagt: „Weltmeisterschaftsspiele stehen wie kaum etwas Anderes für Weltoffenheit, friedlichen Wettbewerb und Toleranz. Ballers in God ist in der Vergangenheit durch Äußerungen des Gründers und verschiedener Anhänger aufgefallen, die im Gegensatz zur gebotenen Toleranz stehen. Sie stehen im Zusammenhang mit christlich-fundamentalistischen Positionen, die teils homophob und intolerant gegenüber anderen Weltanschauungen sind. Damit befeuern sie eine Polarisierung, die durch das gemeinsame Fußballfest eigentlich überwunden werden soll.“
Weitere Spieler, die mit der Gemeinschaft in Verbindung stehen oder regelmäßig auf ihren Social-Kanälen gezeigt werden, sind unter anderem Davie Selke (31/Basaksehir), Anthony Elanga (24/Newcastle), Gabriel Jesus (29/Arsenal), Jeremy Doku (24/Man City) oder Alisson Becker (33/Liverpool). Der Brasilien-Keeper war vor dem WM-Spiel gegen Marokko (1:1) mit Bibel in der Hand aus dem Bus gestiegen – ähnlich wie Nmecha vor dem Curacao-Spiel. Christlich gläubige Spieler suchen über diese und vergleichbare Plattformen Kontakt zueinander, verständigen sich auf dem Platz zudem mit Zeichen.
Wie zelebrieren die DFB-Stars ihren Glauben?
Nmecha trug die Bibel während der Vorbereitung in Chicago sogar über die Straße. Beim Test gegen die USA (2:1) legte er sie in ein Fach an seinem Kabinenplatz. Auch Tah hatte in der Vergangenheit erklärt, vor allem an Weihnachten gerne in der Bibel zu lesen. Und auch Nmechas Tor-Jubel gegen Curacao war eine christliche Geste: Er kniete sich auf den Rasen, hob eine gedachte Krone von seinem Kopf und stellte sie auf den Rasen. Das Signal dahinter: Jesus gebühre der Heldenstatus.
Übrigens: Die DFB-Stars haben im Base-Camp in Winston-Salem offiziell die Erlaubnis, das Hotel in der Freizeit zu verlassen, um beispielsweise eine Kirche aufzusuchen. Davon soll bislang aber kein Spieler Gebrauch gemacht haben.



