Paralympics-Guides: Die unsichtbaren Helden hinter den Erfolgen auf Schnee und Eis
Paralympics-Guides: Unsichtbare Helden hinter den Erfolgen

Paralympics-Guides: Die unsichtbaren Helden hinter den Erfolgen auf Schnee und Eis

Bei den Paralympischen Winterspielen in Italien zeigen sehbehinderte Athleten außergewöhnliche Leistungen – doch hinter jedem Erfolg steht ein unverzichtbares Team. Die Guides, die Begleitläufer, sind die stillen Helden, die mit Präzision, Vertrauen und spezieller Technik den Weg durch die Kurse weisen.

Mit Tunnelblick zur Tofana-Piste: Das Duo Fügenschuh und Holzmann

Buchstäblich mit Tunnelblick stürzt sich die 17-jährige Maya Fügenschuh mutig die steile Tofana-Piste in Cortina d'Ampezzo hinab. Vor ihr lotst Begleitläuferin Johanna Holzmann die jüngste deutsche Starterin bei den Winter-Paralympics gekonnt durch den Riesenslalom-Kurs. „Wir zählen runter: 3, 2, 1 – und dann fahren wir los“, erklärt die 30-Jährige die präzise Startabsprache.

Für die sehbehinderte alpine Skirennläuferin ist das vertrauensvolle Verhältnis zu ihrer Begleiterin essenziell. „Zum einen habe ich einen Tunnelblick, mein Sichtfeld ist nach außen, oben und unten einfach eingeschränkt. Es ist alles viel verschwommener und die Kontraste sind nicht da“, beschreibt Fügenschuh ihre visuelle Wahrnehmung. Im Slalom kann sie die Stangen gar nicht erkennen, im Riesenslalom erscheinen die roten Tore auf weißem Schnee zu hell.

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Vom olympischen Skicross zu den Paralympics: Erfahrung trifft Talent

Obwohl die beiden Allgäuerinnen erst seit September ein Gespann bilden, harmonieren sie prächtig. Johanna Holzmann bringt als Olympia-15. von Peking 2022 im Skicross und als Skilehrerin ideale Voraussetzungen mit. In intensiven Trainingslagern, rund 80 Skitagen und Konditionstraining haben beide das notwendige Vertrauen aufgebaut.

Bei Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde muss die Begleitläuferin nicht nur auf ihr eigenes Skifahren achten, sondern stets auch auf ihre Partnerin. „Das ist natürlich eine Verantwortung, die ich verspüre, wenn ich mit Maya fahre. Aber auch da ist das Vertrauen enorm wichtig, weil ich weiß, wie gut Maya Skifahren kann und wie sie in welchen Situationen reagieren kann“, betont Holzmann.

Spezielle Helme und präzise Kommandos: Die technische Seite der Führung

Die Verständigung erfolgt über spezielle Helme mit Headset, ähnlich denen aus der Motorradfahrer-Szene. „Ich kann Johanna sehen. Es ist für mich enorm wichtig, einen kurzen Abstand zu ihr zu haben. Je enger ich an ihr dran bin, desto besser kann ich sie sehen. Das Headset ist sehr wichtig und eine gute Ergänzung zum Sehen“, erklärt Fügenschuh.

Im Slalom wird die Kommunikation besonders anspruchsvoll. Während normalerweise Kommandos wie „und drauf“ oder nur „drauf“ genügen, erfordert das Rennen im Stangenwald intensivere Anweisungen. „Da muss ich sehr schnell sprechen“, sagt Holzmann. Dann heißen die Kommandos beispielsweise „Zack, zack“ für eine Haarnadel oder „Zack, zack, zack“ bei einer Kombination.

Mut, Vertrauen und die Akzeptanz von Stürzen

Fügenschuh muss sich zu 100 Prozent auf ihre Begleiterin verlassen. „Mut gehört sicherlich dazu. Ich kenne das nicht anders. Für mich ist es einfach Skifahren. Deswegen mache ich mir darüber gar keine Gedanken“, sagt die 17-Jährige. Auch Angst vor Stürzen kennt sie nicht. „Ich glaube, Stürze gehören einfach dazu, das ist mir bewusst. Aber man wäre falsch in der Sportart, wenn man beim Losfahren denken würde, ich könnte ja stürzen“.

In solchen Situationen kann sie sich ebenfalls auf Holzmann verlassen. „In der Regel bekomme ich sehr schnell mit, dass etwas nicht stimmt und drehe mich um. Maya gibt mir auch Feedback alle paar Kurven, deshalb weiß ich, wo sie ist. Was gefährlich ist, sind oft die Pistenränder, die Maya nicht so gut sehen kann. Da müssen wir aufpassen, dass die Sturzräume frei sind und wir sicher stürzen können“, erklärt die ehemalige Skicrosserin.

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Nordische Disziplinen: Hörbare Kommandos in der Loipe

Während bei den Alpinen wegen der Helme und der Entfernung keine Anweisungen zu hören sind, kann man bei den Nordischen und den Biathleten den Begleitläufern bei der Arbeit zuhören. „Links, links, links – rechts. Wechsel jetzt.“ In Tesero sind immer wieder diese präzisen Kommandos zu vernehmen.

Guide Robin Wunderle läuft vor dem sehbehinderten Nico Messinger. Als seine eigene Biathlon-Karriere ins Stocken geriet, hörte er, dass ein Guide für Nico gesucht wird. „Ich habe es dann einfach mal ausprobiert“, berichtet der 27-Jährige. Daraus sind mittlerweile sieben Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit geworden.

Viele Guides beginnen wie er mit eigenen Wintersportkarrieren, bevor sie den Schritt als Begleitläufer wagen. Ein enges Vertrauensverhältnis und funktionierende Absprachen sind dabei entscheidend, betont Wunderle. Auch neben dem Training unterstützen die Guides ihre Sportler teils im Alltag und verbringen so viel Zeit miteinander – das gilt sowohl für Nordische wie Alpine.

Zwischen familiärer Konkurrenz und Brüder-Duo: Die menschliche Dimension

Nicht immer passt es zwischen Athlet und Guide auf Anhieb. Johanna Recktenwald hat in ihrer Karriere bereits mehrere Begleitläuferwechsel erlebt. Inzwischen läuft sie mit Emily Weiß, während ihr Freund Florian Baumann Guide ihrer Teamkollegin und Konkurrentin Linn Kazmaier ist. „Sportliches und Privates zu trennen ist, glaube ich, ganz gut. Man verbringt so viel Zeit mit seinem Guide – da ist es gut, wenn jeder auch ein bisschen seinen eigenen Weg geht“, erklärt Recktenwald.

Dass es auch innerhalb der Familie hervorragend funktionieren kann, beweist ein anderes deutsches Duo: Paralympics-Debütant Theo Bold ist mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Jakob als Begleitläufer unterwegs. Diese besondere Konstellation zeigt, wie vielfältig die Beziehungen zwischen Athleten und ihren Guides sein können.

Die Arbeit der Paralympics-Guides ist eine faszinierende Symbiose aus Sport, Technik und zwischenmenschlichem Vertrauen. Sie ermöglichen sehbehinderten Athleten nicht nur die Teilnahme an Wettkämpfen, sondern schaffen die Grundlage für außergewöhnliche Leistungen und bleibende Erinnerungen.