Von der Weltmeisterschaft ist in Deutschland nicht viel zu merken. Kein Wunder: Für uns findet sie in der Nacht statt. Unser Reporter ist wachgeblieben und hat vier Spiele in fünf Kneipen geschaut.
Wer diese Weltmeisterschaft boykottieren will, kann einfach weiterschlafen. Ein Großteil der Vorrundenspiele beginnt hier um zwei, drei oder fünf Uhr morgens. Wer die WM aber tatsächlich verfolgen möchte, und das nicht allein daheim mit dem Laptop auf dem Schoß, sondern draußen, mit anderen Menschen in einer Bar oder beim Public Viewing, der hat ein Problem. Sogar in Berlin.
Die erste Halbzeit: Einsamkeit in der Kneipe
Um kurz vor eins ist der Tiefpunkt dieser Nacht erreicht. Der Reporter sitzt in einer Kneipe, die sonst gut besucht ist, aber heute nur eine Handvoll Gäste zählt. Die Stimmung ist gedämpft, das Bier fließt nur langsam. Die ersten Spiele laufen, aber die Begeisterung will sich nicht einstellen.
„Es ist schon seltsam, hier um diese Uhrzeit Fußball zu gucken“, sagt ein Gast. „Normalerweise ist die Kneipe voll, aber heute bin ich fast allein.“ Die Zeitverschiebung macht sich bemerkbar: Während in Katar die Sonne scheint, ist in Deutschland tiefe Nacht.
Die zweite Runde: Public Viewing im Leerlauf
Gegen drei Uhr morgens sucht der Reporter ein Public Viewing auf. Die Leinwand ist aufgebaut, die Bierbänke stehen bereit – aber die Besucherzahl ist überschaubar. Vielleicht 20 Menschen haben sich eingefunden. Die meisten sitzen in Gruppen, unterhalten sich leise oder starren auf ihre Handys. Das Spiel läuft, aber die Emotionen sind verhalten.
„Ich bin extra aufgestanden, weil ich die Spiele live sehen will“, erklärt eine junge Frau. „Aber so richtig in Stimmung komme ich nicht. Es fühlt sich an wie eine Geisterveranstaltung.“ Der Reporter notiert: Die WM in Katar findet für Deutschland im falschen Zeitfenster statt.
Die dritte Station: Eine Bar mit Durchhaltewillen
Um fünf Uhr morgens erreicht der Reporter eine Bar, die speziell für die WM-Nacht geöffnet hat. Hier sind die Gäste motivierter. Etwa 30 Menschen haben sich versammelt, einige tragen Trikots, andere haben sich Flaggen ins Gesicht gemalt. Die Stimmung ist besser, aber immer noch weit entfernt von dem, was man von einer WM gewohnt ist.
„Wir haben uns vorgenommen, alle Spiele zu schauen“, sagt ein Mann in einem Deutschland-Trikot. „Aber es ist eine echte Herausforderung. Nach der Arbeit um elf ins Bett, um zwei wieder aufstehen – das ist nicht für jeden machbar.“ Der Reporter beobachtet, wie die Gäste Kaffee und Energy-Drinks bestellen, um wach zu bleiben.
Der Endspurt: Erschöpfung und Ernüchterung
Gegen sieben Uhr morgens, nach vier Spielen in fünf Kneipen, ist der Reporter am Ende seiner Kräfte. Die letzte Bar ist fast leer, nur ein paar Hartgesottene halten durch. Die Sonne geht langsam auf, draußen beginnt der Berufsverkehr. Drinnen läuft das letzte Spiel, aber die meisten Gäste sind mehr mit dem Kampf gegen die Müdigkeit beschäftigt als mit dem Geschehen auf dem Platz.
„Es war eine interessante Erfahrung, aber ich glaube, ich werde mir die nächsten Spiele lieber im Livestream anschauen“, sagt ein Gast und gähnt. Der Reporter stimmt ihm innerlich zu. Die WM in Katar ist für Deutschland eine Nachtveranstaltung – und das merkt man überall.



