Experimentelle Zelltherapie gegen Eierstockkrebs
Heide Schulz hat die Augen geschlossen. Es ist nur das leise Klackern einer Maschine zu hören. Über feine Plastikschläuche fließt aus einem Zugang am Hals ihr Blut in das leise surrende Gerät und von dort wieder zurück in ihren Körper. Es ist der erste Schritt eines Experiments, einer neuartigen Therapie, in die Heide Schulz große Hoffnung setzt.
2022 wurde bei der damals 59-Jährigen ein schnell wachsender Eierstockkrebs festgestellt. Zwei Chemotherapien konnten den Krebs nicht aufhalten. Heute, am 8. August 2024, in der Berliner Universitätsklinik Charité, sollen ihr ganz bestimmte Immunzellen aus dem Blut gefiltert werden. Sie sollen im Labor so fit gemacht werden, dass sie ihre Krebserkrankung bekämpfen können.
Apherese: Gewinnung der T-Zellen
Langsam wird die gesamte Menge Blut, die Schulz im Körper hat – etwa vier bis fünf Liter – dreimal durch eine Apherese-Maschine geschickt. Dieses Gerät kann die besonders wertvollen Bestandteile ihres Immunsystems, die T-Zellen, herausfiltern. Es sind diese Immunzellen, die bei der Therapie von Heide Schulz die entscheidende Rolle spielen. Sie sollen so verändert werden, dass sie – zurück im Körper – die Krebszellen erkennen, an sie andocken und dann zerstören können.
Etwa vier bis fünf Stunden muss Schulz ruhig liegen. Und hoffen, dass ihr von der Krankheit und den vorherigen Behandlungen geschwächter Körper am Ende ausreichend viele gesunde Immunzellen für die Therapie hergibt. Die Apheresestation der Charité Berlin ist darauf spezialisiert, Patienten Blut abzunehmen und daraus ganz bestimmte Immunzellen herauszufiltern, um daraus mithilfe gentechnischer Verfahren Immuntherapien gegen Krebs zu machen.
Transport in die USA und Wartezeit
Schließlich wird der Beutel, in dem die Immunzellen von Heide Schulz schwimmen, sorgfältig beschriftet, tiefgefroren und noch am gleichen Tag in die USA geflogen. Dort werden die Immunzellen vieler Patienten und Patientinnen in einem Speziallabor gentechnisch verändert, um sie in eine – hoffentlich – lebensrettende Therapie zu verwandeln. Nach der Apherese ist Schulz etwas wackelig auf den Beinen, aber froh, die Prozedur überstanden zu haben.
Nun heißt es warten. Und hoffen, dass ihre Immunzellen rechtzeitig genug aus dem US-Labor zurückkommen, um ihr noch helfen zu können. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit. Der Tagesspiegel hat Schulz in dieser kritischen Phase begleitet, sie regelmäßig getroffen, interviewt und per Mobiltelefon Nachrichten ausgetauscht. In der Regel dauert es drei bis fünf Wochen von der Entnahme bis zur Re-Infusion der Zellen. In dieser „Vene-zu-Vene“-Zeit sterben, je nach Studie, etwa 20 bis 25 Prozent der Patient:innen. Berücksichtigt man all jene Patienten, die noch keinen Termin für eine Apherese haben, schaffen es noch mehr nicht: bis zu 80 Prozent.
CAR-T-Zellen: Revolution bei Blutkrebs
Seit etwa zehn Jahren gibt es CAR-T-Zellen. Diese Form der Krebstherapie hat die Behandlung von bestimmten Krebstypen revolutioniert, vor allem von Blutkrebsarten. Menschen, bei denen Standard-Behandlungen wie eine Chemotherapie versagten und für die es eigentlich keine Hoffnung mehr gab, konnten mit dieser Therapie nicht nur ein paar Monate länger leben, sondern tatsächlich geheilt werden. Der Krebs kam nicht mehr zurück.
Die CAR-T-Zellen sind in der Lage, Blut- und Lymphdrüsenkrebszellen im Körper aufzuspüren und zu bekämpfen. Die große Frage, vor der die Wissenschaft gerade steht, ist, ob das auch bei anderen Krebsarten funktionieren könnte – etwa dem Eierstockkrebs von Heide Schulz. Antonia Busse ist Onkologin und die behandelnde Ärztin von Heide Schulz: „Das, was wir bei Krebsarten wie Blutkrebs schon erfolgreich als Therapieform etabliert haben, wollen wir jetzt auf andere Formen übertragen, doch da stehen wir noch ziemlich am Anfang.“
Herausforderungen bei soliden Tumoren
Das Ovarialkarzinom, das bei Heide Schulz entdeckt wurde, zählt zu den „soliden“ Tumoren. Das sind Geschwulste fester Gewebe, die sich sehr viel schwerer durch umprogrammierte Immunzellen bekämpfen lassen als Blut- oder Lymphkrebstypen, erklärt Busse, Professorin für Zelltherapie an der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Charité. Zum einen gelangen die Immunzellen des Körpers nicht ohne Weiteres in diese teils harten Wucherungen. Zum anderen haben solide Tumore viele Mechanismen, um Immunzellen aktiv abzuwehren und auszutricksen.
Wie man doch einen Weg finden kann, sie zu bekämpfen, wird in zahlreichen wissenschaftlichen Studien weltweit erforscht. Im Rahmen einer davon wird Heide Schulz behandelt. „Diese Studie ist für viele Patienten mit ganz unterschiedlichen Tumorerkrankungen geeignet“, sagt Busse im Gespräch mit dem Tagesspiegel.
Endlich die Nachricht: Zellen sind bereit
Mitte Oktober bekommt Heide Schulz endlich die lang ersehnte Nachricht: „Heute Morgen habe ich mit der Charité telefoniert. Meine Zellen sind freigegeben.“ Zurück aus den USA soll sie ihre Immunzellen voraussichtlich Ende Oktober infundiert bekommen. Am 29. Oktober kommt die Textnachricht von Station 1b, Zimmer 35: „Bin seit gestern in der Charité, habe etliche Untersuchungen absolviert. Am Montag sollen die Zellen gegeben werden.“
Am 4. November ist es soweit. Guter Dinge und etwas aufgeregt lässt Schulz die Voruntersuchungen über sich ergehen und wartet auf den großen Moment – die Transfusion ihrer zum Medikament umfunktionierten Immunzellen. Drei quälend lange Monate des Wartens, des Bangens sind vorbei. Sie sei „sehr froh“, dass sie in die Studie aufgenommen werden und die experimentelle Zelltherapie deshalb bekommen konnte, sagt Schulz. „Ich erhoffe mir hiervon jetzt wirklich eine Besserung.“
Infusion und erste Reaktionen
Auf Station 1b herrscht jetzt konzentrierte Anspannung. Ein Team aus zwei Ärzten und Pfleger:innen steht bereit, und nach einigen Untersuchungen wird der Beutel mit ihren tiefgefroren aus den USA eingeflogenen und vorsichtig aufgetauten Zellen an den Tropf gehängt und über einen Zugang in der Armbeuge von Heide Schulz angeschlossen. Langsam läuft die milchig-weiße Flüssigkeit aus dem Beutel in ihre Vene. Tropfen für Tropfen verteilen sich die Immunzellen in ihrem Körper. „Das ist ein sehr emotionaler Moment für mich“, sagt Schulz mit brüchiger Stimme, Tränen laufen ihr über das Gesicht. „Und auch ein sehr schöner.“
Am Tag nach der Infusion geht es Schulz nicht gut. „Heute schlecht, Fieber und total schlapp“, schreibt sie. Nicht schön, aber ein gutes Zeichen. Denn in ihrem Körper tobt jetzt ein Kampf: Die CAR-T-Zellen attackieren die Krebszellen. Das geht mit Fieber einher, ein normaler Teil der Immunreaktion. Auch eine gewisse Schlappheit und Müdigkeit zeigen, dass die Zellen ihre Arbeit machen. Aber wird es reichen, den Krebs auch langfristig loszuwerden?
Überwachung und Zytokin-Sturm-Risiko
48 Stunden nach der Infusion geht es Schulz wieder etwas besser. Das Fieber ist runter. „Ich weiß gar nicht, wann ich mal so stark Fieber hatte“, erzählt sie später. „Das bringt einen runter, das zehrt unheimlich.“ In den Tagen nach der Infusion kontrollieren die Ärzte die Körpertemperatur und übrigen Werte von Heide Schulz sehr genau. Denn mitunter können die CAR-T-Zellen die Immunreaktion zu stark werden lassen, im schlimmsten Fall droht eine massenhafte Freisetzung von Botenstoffen, ein „Zytokin“-Sturm mit Fieber, Herzrasen, niedrigem Blutdruck und Übelkeit.
Erkennt man den Zytokin-Sturm rasch, können die Behandelnden allerdings gut gegensteuern. Daher steht immer wieder jemand vor Schulz’ Bett und überprüft, ob alles in Ordnung ist. „Da müssen wir Fragen beantworten und zum Beispiel einen Satz aufschreiben, um zu sehen, ob sich das Schriftbild verändert“, erzählt Schulz. Mitunter sogar mitten in der Nacht. „Das fand ich ganz schön sportlich.“ Plötzlich habe jemand vor dem Bett gestanden und gefragt: „Welches Jahr haben wir?“
Entlassung und erste Nachuntersuchung
„Wenn ich jetzt diese Überwachungsphase hier gut überstehe und entlassen werde, hoffe ich, dass ich dann die ärgsten Nebenwirkungen im Griff habe“, sagt Schulz. Am 12. November wird sie schließlich, fieberfrei und guter Dinge, entlassen – vorerst. Ob die Zellen den Krebs erfolgreich bekämpfen konnten, können weder die Ärzte noch Schulz selbst zu diesem Zeitpunkt sagen. Anfangs hatte sich Heide Schulz kaum mit der Zelltherapie auseinandergesetzt: „Also am Anfang war es mir nicht bewusst.“ Doch ein Verwandter, der an einem Forschungsinstitut arbeitet, habe ihr erklärt, dass ihre Behandlung eine „tolle Sache“ sei.
Ob das auch für sie gilt, soll sie bei der ersten Nachuntersuchung in der Charité erfahren, am 17. Dezember. Es ist kurz vor Weihnachten und Heide Schulz ist „ziemlich nervös“. Die erste Computertomographie nach der Infusion soll zeigen, ob die CAR-T-Zellen etwas ausrichten konnten gegen den Tumor. Ist das nun der Durchbruch? Kann Heide Schulz nach über zwei Jahren Kampf gegen den Krebs endlich aufatmen? Es wird noch dauern, bis man von einem Erfolg der Behandlung sprechen kann. Der nächste CT-Termin in sechs Wochen wird es zeigen. Und der nächste, und der nächste ...



