Gíslason analysiert EM-Silber und blickt auf Heim-WM 2027
Nach dem Gewinn der Silbermedaille bei der Handball-EM Anfang Februar in Dänemark kommt die deutsche Nationalmannschaft erstmals wieder zusammen. Bundestrainer Alfred Gíslason (66) hat zum DHB-Lehrgang in Dortmund geladen, wo zwei Testspiele gegen Ägypten auf dem Programm stehen. Am 19. März in Dortmund und am 22. März in Bremen will der Isländer seine Mannschaft auf den Weg zur Heim-WM 2027 in Deutschland bringen.
Kritik und öffentliche Diskussionen begleiten den Erfolg
Trotz des zweiten Platzes bei der Europameisterschaft geriet Gíslason während des Turniers in die Kritik. Skeptische Stimmen, Podcast-Analysen und öffentliche Diskussionen begleiteten die Leistung der Mannschaft. Im Interview äußert sich der Bundestrainer nun zu den Vorwürfen und spricht über mangelnde Wertschätzung.
"Ich freue mich über das Silber", betont Gíslason. "Vor allem über die Leistung – wie wir gegen Spanien, Portugal, Norwegen, Kroatien und Frankreich gespielt haben, war deutlich stabiler als zuvor." Doch im Finale fehlten die entscheidenden fünf Prozent, um Dänemark zu bezwingen. "Die sind einfach so gut – leider", fügt der Trainer hinzu.
Emotionaler Wendepunkt nach Serbien-Niederlage
Der emotionalste Moment der EM war für Gíslason der Tag nach der Niederlage gegen Serbien und vor dem Sieg gegen Spanien. "Das Serbien-Spiel hat der Mannschaft viel gegeben. Wir haben dort einen riesigen Fehler gemacht – in der Haltung. Und ich nehme mich da mit rein", gesteht der Bundestrainer. Diese Erfahrung sei jedoch wichtig für die Zukunft der Mannschaft gewesen.
Besondere Aufmerksamkeit erregte die öffentliche Kritik von Juri Knorr während des Turniers. Gíslason zeigt sich gelassen: "Mit Juri habe ich klar gesprochen. Offenheit ist mir lieber als Schweigen." Der Trainer betont, dass er einen offenen Austausch mit seinen Spielern bevorzugt, anders als manche seiner früheren Trainer.
Umgang mit Medienkritik und kulturelle Unterschiede
Die intensive Diskussion um seine Person nach der Serbien-Pleite nimmt Gíslason gelassen. "Solche Diskussionen sind normal", erklärt er und verweist auf ähnliche Situationen in seiner Karriere in Kiel und Magdeburg. "Handball ist hier eine Herzensangelegenheit. Wenn bei WM oder EM etwas passiert, geht es richtig ab. Das muss man akzeptieren."
Der Vergleich mit anderen Ländern zeigt deutliche Unterschiede. Gíslason berichtet von einem Gespräch mit Spaniens Trainer Jordi Ribera: "Er sagte: 'Es ist irre, was bei euch passiert. Tauscht mal mit mir.' In Spanien interessiert das kaum jemanden." In Deutschland hingegen werde intensiv diskutiert – was der Trainer als Teil der Kultur akzeptiert.
Vorbereitung auf Ägypten-Tests und WM-Perspektive
Für den aktuellen Lehrgang in Dortmund hat Gíslason die komplette EM noch einmal analysiert und Videos an seine Spieler geschickt. "Was wir offensiv in diesem Turnier gespielt haben – mit Geduld, mit Weiterspielen, mit Variabilität –, war deutlich besser als zuvor", resümiert der Trainer.
Mit Blick auf die Heim-WM 2027 identifiziert Gíslason, was seiner Mannschaft noch fehlt, um gegen Dänemark auf Augenhöhe zu sein: "Mehr Reife im Spiel. Mehr Klarheit in bestimmten Momenten." Dänemark habe mit Mathias Gidsel einen Spieler, der ein ganzes Turnier durchspielen könne und im Finale noch Kraft habe – eine außergewöhnliche Leistung.
Der Bundestrainer warnt vor überzogenen Erwartungen: "Die Erwartung, dass Deutschland automatisch im Halbfinale steht, ist gefährlich. Das funktioniert so nicht." Jedes Halbfinale müsse man sich durch ein starkes Turnier verdienen.
Personalentscheidungen und Vertragsperspektive
Für die Ägypten-Spiele setzt Gíslason auf einige Veränderungen im Kader. Weltklasse-Torwart Andreas Wolff erhält eine Pause, während David Späth und der junge Lasse Ludwig die Chance erhalten, sich zu beweisen. "Gerade gegen Ägypten wird das eine Lehrprobe. Da geht es um Verantwortung", erklärt der Trainer.
Auch Rune Dahmke ist nicht nominiert, dafür erhält der Berliner Tim Freihöfer eine Chance. "Leistung entscheidet. Es gibt Konkurrenz. Das ist normal im Leistungssport", betont Gíslason.
Sein Vertrag beim DHB läuft bis 2027. Auf die Frage nach einer möglichen Verlängerung oder Anfragen aus dem Ausland antwortet der Isländer: "Nein. Es ist ruhig. Ich bin entspannt. Aber ich werde nicht aufhören, so viel ist klar." Mit einem Augenzwinkern fügt er hinzu: "Im Moment auf drei Zylindern – fünf haben seit Januar Pause."



