Formel-1-Stars kritisieren neue Regeln: 'Wie Mario Kart auf der Rennstrecke'
Die Formel 1 hat nach der größten Regelreform ihrer Geschichte beim Grand Prix von Australien gerade einmal rund 300 Kilometer zurückgelegt. Doch bereits nach diesem ersten Saisonrennen gibt es heftige Kritik von zwei Weltmeistern. Die neuen Vorschriften zum Batterie-Management sorgen für kontroverse Diskussionen im Fahrerlager.
Verstappen: 'Chaos hoch und runter'
Max Verstappen kommt sich bei der neuen Formel 1 wie in einem Videospiel vor. Der viermalige Weltmeister von Red Bull und leidenschaftliche Sim Racer will dies nach dem packenden Saisonstart in Australien aber überhaupt nicht als Lob verstanden wissen. Von 'Chaos hoch und runter' sprach Verstappen nach dem Aufbruch in eine neue Zeitrechnung in der Königsklasse des Motorsports.
Die Notwendigkeit, die Batterie im Motor nach dem Entladen wieder aufzuladen, würde im Mittelfeld zu 'seltsamen Dingen' führen, die ihn an 'Mario Kart' erinnern. Verstappen würde am liebsten die Zeit zurückdrehen. 'Es hat mit der Formel 1 eigentlich nichts zu tun', hatte der 71-malige Grand-Prix-Sieger bereits während der Testfahrten geklagt. 'Es fühlt sich eher an wie die Formel E auf Steroiden.'
Permanentes Batterie-Management als Herausforderung
Nach der historischen Regelreform sind die Fahrer zu permanentem Batterie-Management aufgerufen. Vollgas fahren können sie nicht mehr komplett, sonst geht ihnen mit den neuen Motoren der Saft aus. Die Aggregate beziehen zu gut 50 Prozent Leistung vom Verbrenner und zu fast 50 Prozent aus der Batterie, die während der Fahrt wieder geladen werden muss.
Dies widerspricht dem Instinkt von Verstappen, der ein vehementer Vertreter des Vollgasfahrens ist: So spät wie möglich bremsen, so früh wie möglich beschleunigen. Auf der Geraden Herunterschalten, vom Gas gehen und ausrollen, um dann mit geladener Batterie wieder voll beschleunigen zu können - diese Taktik passt nicht zum Rennstil des Niederländers.
Leclerc fühlt sich wie in Mario-Kart-Welt
Charles Leclerc fühlte sich im Rennen phasenweise ebenfalls in die Welt des schnurbärtigen Videospiel-Klempners Super Mario versetzt. Einen Geschwindigkeitsschub bei Mercedes verglich der Ferrari-Fahrer mit dem Turboantrieb in der Gaming-Reihe. 'Das ist wie ein Pilz in Mario Kart', funkte Leclerc und amüsierte damit auch seinen Renningenieur.
Die Fans bekamen vor allem in der Anfangsphase ein Spektakel geboten, als sich der spätere Rennsieger George Russell im Mercedes und Leclerc an der Spitze mehrfach überholten. Dank der neuen Modi 'Boost' (Schub) und 'Overtake' (Überholen) wurden schlussendlich 125 Überholmanöver gezählt. Dem gegenüber stellten die Statistiker der Formel 1 gerade einmal 45 beim Saisonstart in Melbourne vor einem Jahr.
Norris sorgt sich um Sicherheitsrisiken
Weltmeister Lando Norris, der die neue Formel 1 während der Tests noch verteidigt hatte, führte nach dem Rennen Sicherheitsbedenken an. Der McLaren-Pilot begründete dies mit den erheblichen Tempounterschieden zwischen den Fahrzeugen.
'Es ist ein Chaos, es kommt zu schweren Unfällen. Man fährt und wartet nur darauf, dass etwas passiert und etwas schrecklich schiefgeht', meinte Norris, der vor Verstappen Fünfter wurde. Der 35. Weltmeister der Formel-1-Geschichte sprach von Unterschieden 'von 30, 40 oder 50 km/h'.
'Wenn jemand bei diesem Tempo einen trifft, fliegt man durch die Luft, landet über dem Zaun und fügt sich selbst und möglicherweise auch anderen großen Schaden zu. Das ist eine ziemlich schreckliche Vorstellung', sagte Norris und äußerte Skepsis bezüglich schneller Abhilfe.
Russell hält Kritik für übertrieben
George Russell hält die aktuelle Kritikwelle für überzogen. Der Mercedes-Pilot erinnerte an die sogenannten Ground-Effekt-Wagen der Vorgängergeneration, die aufgrund ihrer aerodynamischen Besonderheit auf dem Asphalt teils heftig hüpften. 'Alle hatten davon Rückenschmerzen und die Fahrer haben sich darüber beschwert', sagte Russell.
Der Engländer räumte allerdings ein: 'Jeder schaut immer nur auf sich selbst. Wir sind in dieser Hinsicht alle egoistisch.' Verstappen appellierte unterdessen an Motorsport-Weltverband Fia und Formel-1-Geschäftsführung, schnell für Änderungen zu sorgen.
Mercedes-Teamchef sieht Flexibilität für Anpassungen
Mercedes-Teamchef Toto Wolff findet die aktuelle Kritikwelle ebenfalls nicht ganz angebracht. 'Wir neigen dazu, sehr nostalgisch zu sein, wenn wir auf vergangene Ereignisse zurückblicken', sagte der Österreicher, der sich natürlich freut, dass sein Rennstall die neuen Regularien schon jetzt sehr erfolgreich umzusetzen scheint.
Anpassungen im Reglement hält Wolff aber nicht für ausgeschlossen. 'Wir müssen die Fans begeistern, deshalb müssen wir uns einfach das Produkt ansehen', sagte Wolff. 'Und wenn es angepasst werden muss, wenn wir etwas ändern müssen, dann haben wir meiner Meinung nach in der Formel 1 die Flexibilität, solche Entscheidungen immer zu treffen.'
Die Diskussion über die größte Regelreform der Formel-1-Geschichte ist damit eröffnet. Während einige Fahrer Chaos und Sicherheitsbedenken äußern, sehen andere Teamvertreter die Entwicklung pragmatischer. Die kommenden Rennen werden zeigen, ob sich das neue Konzept bewährt oder tatsächlich Anpassungen notwendig werden.



