Ein ecuadorianischer Langläufer schreibt Olympia-Geschichte
Die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina werden von zahlreichen außergewöhnlichen Athleten geprägt. Einer von ihnen ist Klaus Jungbluth Rodriguez, der mit 46 Jahren im 10-Kilometer-Skilanglauf an den Start geht. Seine Geschichte ist einzigartig, denn er stammt aus Ecuador – einem Land, in dem Wintersport normalerweise keine Rolle spielt.
Vom Gewichtheben zum Skilanglauf
Jungbluth Rodriguez begann seine sportliche Karriere ursprünglich als Gewichtheber. Nach Knieverletzungen, die eine weitere Ausübung dieses Sports unmöglich machten, suchte er nach einer Alternative. Diese fand er 2010 während seines Masterstudiums in Sportpsychologie in Norwegen. Dort beobachtete er Menschen, die im Sommer mit Rollerskiern auf der Straße trainierten. „In Ecuador gibt es keinen Schnee, aber ich dachte mir, dass ich das auch versuchen könnte“, erinnert sich der Athlet.
Nach seiner Rückkehr nach Ecuador kaufte er sich sein erstes Paar Rollerskier und begann mit dem Training – zunächst ohne olympische Ambitionen. Mit der Zeit wuchs jedoch sein Interesse, und er setzte sich ein besonderes Ziel: Ecuador erstmals zu den Olympischen Winterspielen zu bringen.
Bürokratische Hürden und ungewöhnliche Trainingsbedingungen
Eine große Herausforderung war die Tatsache, dass Ecuador damals keinen Wintersportverband besaß. Ohne einen solchen Verband ist eine Olympia-Teilnahme jedoch nicht möglich. Jungbluth Rodriguez machte sich selbst daran, die notwendigen bürokratischen Schritte zu klären. Nach der Zustimmung des Olympischen Komitees Ecuadors im Jahr 2015 musste er sich auch sportlich qualifizieren.
Die Trainingsbedingungen in Ecuador waren alles andere als ideal. Da viele Straßen uneben waren, trainierte er teilweise auf der Autobahn – und das oft in den frühen Morgenstunden. „Die einzige Zeit mit wenig Verkehr war zwischen 4 und 6 Uhr morgens. Das war die Zeit, in der ich auf den Straßen trainieren konnte“, erklärt der Langläufer. Stürze und Schmerzen gehörten regelmäßig zu seinem Trainingsalltag.
Erste Schneeerfahrungen und olympisches Debüt
Das erste Mal auf Schnee stand Jungbluth Rodriguez etwa vier Jahre vor den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang. Bei einem Langdistanzrennen in Schweden musste er sich zunächst an die völlig anderen Bedingungen gewöhnen. „Ich war sehr unkoordiniert und hatte Probleme, das Gleichgewicht zu finden“, gesteht er. Doch mit der Zeit verbesserte er seine Fähigkeiten und konnte Elemente vom Rollerskifahren auf das Schneetraining übertragen.
2018 debütierte er im Alter von 38 Jahren als erster Sportler Ecuadors bei Olympischen Winterspielen. Im 15-Kilometer-Freistil belegte er Platz 108 – ein Erfolg, der in seiner Heimat für Aufsehen sorgte. „Der erste Kommentar war: ‚Wie verrückt ist das denn? Du lebst in Ecuador und trittst im Schnee an‘“, erzählt Jungbluth Rodriguez.
Neue Heimat in der Schweiz und Ziele für 2026
Inzwischen lebt der fünffache Familienvater seit drei Jahren mit seiner Familie im Wallis in der Schweiz, wo er als Physiotherapeut arbeitet. Der Umzug ermöglicht ihm regelmäßiges Training auf Schnee und verbessert auch seine Deutschkenntnisse, die er durch den Besuch einer deutschen Schule in Ecuador erworben hatte.
Für die Olympischen Spiele 2026 hat sich Jungbluth Rodriguez klare Ziele gesetzt: Er möchte die Ziellinie ohne Stürze und Unfälle erreichen und ein besseres Ergebnis als 2018 erzielen. Zudem will er das olympische Erlebnis in vollen Zügen genießen, denn es werden „definitiv meine letzten Olympischen Spiele sein“.
Unabhängig vom Ergebnis sichert ihm seine Teilnahme einen besonderen Titel: Er bleibt der einzige zweimalige Winter-Olympia-Teilnehmer aus Ecuador. Seine Geschichte zeigt, dass mit Beständigkeit und Ausdauer auch ungewöhnliche Träume verwirklicht werden können.



