Täve Schur wird 95: Eine Radsportikone im Spannungsfeld von Sport und Politik
Gustav-Adolf "Täve" Schur, eine der prägendsten Figuren des DDR-Radsports, feiert am 23. Februar seinen 95. Geburtstag. Der ehemalige Weltmeister und Olympiamedaillengewinner blickt auf eine außergewöhnliche Karriere zurück, die ihn zum Volkshelden machte, doch seine politische Überzeugung wird bis heute kontrovers diskutiert.
Sportliche Erfolge und ungebrochene Popularität
Täve Schur steht wie kaum ein anderer für die sportlichen Triumphe der DDR. Neunmal in Folge wurde er zwischen 1953 und 1961 zum DDR-Sportler des Jahres gewählt, und 1989 kürten ihn die Menschen im Osten zum beliebtesten Athleten aus vier Jahrzehnten DDR-Geschichte. Seine sportlichen Leistungen sind legendär: Zweimal errang er den Straßen-Weltmeistertitel, gewann die Friedensfahrt – oft als "Tour de France des Ostens" bezeichnet – und holte olympische Medaillen.
Ein besonderes Highlight war die Weltmeisterschaft 1960 auf dem Sachsenring, wo Schur durch taktisches Geschick seinem Teamkollegen Bernhard Eckstein zum Titel verhalf. "Wichtig war, dass wir als DDR den Titel gewannen – und nicht die Person", erklärte er später in einem Interview. Diese Einstellung unterstreicht seinen ausgeprägten Teamgeist.
Politische Haltung und Kritik
Schur machte nie ein Geheimnis aus seiner Nähe zur DDR-Führung. Von 1958 bis zur Wende saß er für die SED in der Volkskammer und später für die PDS im Bundestag. Seine Haltung verteidigt er bis heute entschieden. "Uns ging es doch nicht schlecht. Die Menschen hatten Arbeit, keiner musste auf der Straße leben", sagte er in einem Gespräch mit der "Sport Bild".
Er betonte stets, nie an Flucht gedacht zu haben, da er aus Freude am Sport und für die Menschen fuhr. "Ich kann doch die Leute, die mir mit ihrer Arbeit das Sportlerleben ermöglichen, nicht enttäuschen und verraten", so Schur. Diese Aussagen tragen dazu bei, dass er bis heute als umstrittene Symbolfigur der DDR gilt.
Doping-Debatte und aktuelle Kontroversen
Ein dunkler Schatten über der DDR-Sportgeschichte bleibt das staatliche Dopingsystem. Schur, der für den SC DHfK Leipzig fuhr, weist Vorwürfe des Zwangsdopings weiterhin zurück. Seine Haltung führt dazu, dass eine mögliche Aufnahme in die Hall of Fame des deutschen Sports regelmäßig kontrovers diskutiert wird. Trotz dieser Debatten bleibt sein sportliches Erbe unbestritten.
Privates Leben und Verwurzelung in Sachsen-Anhalt
Schur lebt heute in Heyrothsberge bei Magdeburg und ist tief in Sachsen-Anhalt verwurzelt. Fast sechs Jahrzehnte war er mit seiner 2020 verstorbenen Frau verheiratet, aus der Ehe gingen vier Kinder hervor. Sein Sohn Jan gewann 1988 sogar olympisches Gold, was die sportliche Tradition der Familie unterstreicht.
Zu seinem Geburtstag erreichen ihn regelmäßig zahlreiche Briefe von Fans. Geld, das ihm geschickt wird, spendet er oft an ein Museum zur Friedensfahrt in Kleinmühlingen, was sein anhaltendes Engagement für den Radsport zeigt. Selbst mit 92 Jahren bewies er seinen ungebrochenen Tatendrang, als er 2023 auf sein Haus kletterte, um eine Dachrinne zu reinigen, und dabei stürzte – mit acht Rippenbrüchen und einer verletzten Lunge. Seinen Humor verlor er nicht: "Als junger Sportler habe ich früher Rückwärts-Salto geübt. Aber das klappte bei meinem Abflug nicht mehr so ganz", scherzte er.
Täve Schur bleibt somit eine faszinierende Figur, deren Leben und Wirken die komplexe Verflechtung von Sport, Politik und Gesellschaft in der DDR widerspiegelt. Sein 95. Geburtstag bietet Anlass, sowohl seine sportlichen Höchstleistungen zu würdigen als auch die kontroversen Aspekte seiner Biografie kritisch zu beleuchten.



