Fritz Thiedemann: Die dunklen Seiten einer deutschen Reit-Legende
Dunkles Kapitel der Reit-Legende Fritz Thiedemann

Fritz Thiedemann: Die ambivalente Geschichte einer Reit-Ikone

Heute vor 118 Jahren wurde Fritz Thiedemann geboren, der zu den erfolgreichsten deutschen Reitsportlern aller Zeiten zählt. Seine Karriere war geprägt von spektakulären Erfolgen auf dem legendären Wallach Meteor, doch gleichzeitig überschattet von seiner Verstrickung in das nationalsozialistische Regime.

Die glanzvollen sportlichen Erfolge

Seit 1959 steht ein bronzenes Denkmal von Meteor am Düsternbrooker Weg in Kiel, das Thiedemann selbst enthüllte. Der von der Presse als Wunder-Wallach titulierte Hengst und sein Reiter bildeten eines der berühmtesten Paare der deutschen Reitsportgeschichte. Mit beeindruckenden 150 Siegen avancierte Meteor zum erfolgreichsten Springpferd weltweit und war das einzige Pferd, das dreimal bei Olympischen Spielen an den Start ging.

Gemeinsam mit Reit-Legende Hans Günter Winkler auf seiner Stute Halla und dem damals erst 23-jährigen Alwin Schockemöhle auf Ferdl holte Thiedemann 1960 Mannschafts-Gold bei den Olympischen Spielen in Rom. Bereits vier Jahre zuvor bei den Reiterspielen in Stockholm sicherte sich die deutsche Mannschaft um Thiedemann die Goldmedaille.

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Das dunkle Kapitel der NS-Vergangenheit

Doch über dieser strahlenden Karriere liegt ein bedrückender Schatten. Bereits als 19-Jähriger beeindruckte Thiedemann im April 1938 vor 15.000 Zuschauern in der Berliner Deutschlandhalle. Nachdem er drei von vier Prüfungen gewonnen hatte, gratulierte ihm SA-Obergruppenführer und Reichsreiterführer Karl-Siegmund Litzmann persönlich – ein Moment, der durch ein Pressefoto dokumentiert ist.

Laut seiner Biografie auf der Webseite der Hall of Fame des deutschen Sports trat Thiedemann bereits am 1. Dezember 1936 mit seinem Umzug nach Berlin in den SA-Reitersturm 5/28 ein. 1943 wurde er zum SA-Obertruppführer befördert. Interessanterweise geht Thiedemann in seiner Autobiografie auf dieses Kapitel seiner Vita nicht näher ein.

Kriegseinsatz und Nachkriegskarriere

Sein militärischer Einsatz begann 1940 an der Westfront, war jedoch nur von kurzer Dauer, bevor er an die Heeresreitschule nach Potsdam abkommandiert wurde. Drei Jahre später musste Thiedemann an die Ostfront nach Smolensk, wo er eine Ausbildung zum Offizier absolvierte. 1945 kehrte er nach einer Verletzung und kurzzeitiger amerikanischer Kriegsgefangenschaft in seine Heimat Weddinghusen zurück.

Nur ein Jahr nach dem Olympiasieg in Rom beendete Thiedemann 1961 seine aktive sportliche Karriere beim CHIO in Aachen, wo er 1958 Europameister geworden war. Dem Reitsport blieb er anschließend als Berater für das Hamburger Derby verbunden. Am 8. Januar 2000 starb Thiedemann im Alter von 82 Jahren in Heide an den Folgen einer schweren Lungenentzündung. Posthum wurde er 2008 von der Deutschen Sporthilfe in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Die Rolle des Pferdesports im Nationalsozialismus

Die Historikerin Dr. Nele Maya Fahnenbruck von der Universität Hamburg hat sich intensiv mit der Rolle des Pferdesports im Nationalsozialismus beschäftigt. In einem Interview mit dem Wissenschaftsportal L.I.S.A. der Gerda Henkel Stiftung erwähnt sie auch Thiedemann namentlich:

SA-Männer Fritz Thiedemann und Josef Neckermann sind weitere Exempel für Beharrlichkeit, Geschäftstüchtigkeit und bruchlose Übergänge in die Nachkriegszeit, die, ähnlich wie Gustav Rau, bis heute ein sensationelles Renommee genießen, die ihre Namen Plätzen und Straßen leihen und die auf eine ansehnliche Karriere blicken können, erklärt Fahnenbruck.

Die Wissenschaftlerin ergänzt kritisch: Einen Verlust des gesellschaftlichen Ansehens hatte keiner von ihnen zu fürchten; nicht zuletzt da die geforderte Entnazifizierung in der Praxis äußerst dürftig verlief und in der Regel zu dem Einheitsergebnis ‚Mitläufer‘ oder ‚Entlastet‘ führte.

Die Geschichte Fritz Thiedemanns steht somit exemplarisch für die ambivalente Aufarbeitung deutscher Sportgeschichte, in der glanzvolle Erfolge und problematische Verstrickungen oft nebeneinander bestehen bleiben.

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