Ein bis heute unerreichtes Skisprung-Idol: Die Legende Adam Malysz
Die Skisprung-Legende Adam Malysz entfachte in seiner polnischen Heimat einen beispiellosen Hype. Heute vor 19 Jahren erhielt das Vermächtnis des einstigen Rivalen von Martin Schmitt und Sven Hannawald eine besondere und historische Dimension.
Der wichtigste Sieg einer außergewöhnlichen Karriere
Dass ihm in diesem entscheidenden Moment ein ganz besonderer Sprung gelungen war, wusste Adam Malysz sofort. „Das war der wichtigste Sieg meiner Karriere“, sagte der damals 29-Jährige nach seinem siegbringenden Satz auf 99,5 Meter. Sein Triumph auf der Miyanomori-Normalschanze in Sapporo beendete eine etwa zweijährige Schaffenskrise der Skisprung-Ikone und besaß eine historische Tragweite.
Am 3. Mai 2007 – heute vor 19 Jahren – wurde Malysz zum vierten Mal Einzel-Weltmeister. Eine Leistung, die bis in die Gegenwart hinein unerreicht bleibt und dem schmächtigen Polen einen noch herausgehobeneren Platz im Olymp seiner Sportart beschert hat.
Ein ungewöhnlicher Weg zur Weltspitze
Dabei war lange Zeit nicht abzusehen, dass der 1977 in Wisla geborene Malysz zu einem der besten und erfolgreichsten Skispringer der Geschichte werden würde. Der gelernte Dachdecker war zwar als 18-Jähriger wie ein Komet in die Weltspitze geflogen und gewann innerhalb von zehn Monaten drei Weltcup-Springen. Danach aber verschwand er fast ebenso schnell wieder von der Bildfläche.
In den folgenden Jahren versank er in der Mittelmäßigkeit. Weltcup-Siege blieben aus und bei den Olympischen Spielen in Nagano konnte er sich sowohl auf der Groß- als auch auf der Normalschanze nicht einmal für den zweiten Durchgang der besten 30 qualifizieren. Als 52. und 51. segelte der 1,70 Meter kleine Malysz der Weltspitze meilenweit hinterher. Nagano markierte den Tiefpunkt – und wenig sprach dafür, dass der damals 20-Jährige jemals wieder große Erfolge feiern könnte.
Die spektakuläre Rückkehr und der Beginn der „Malyszomania“
Umso überraschender und spektakulärer meldete sich Malysz zu Beginn des neuen Jahrtausends zurück. Im Januar 2001 gewann er sowohl in Innsbruck als auch in Bischofshofen und wurde in überlegener Manier Vierschanzentourneesieger. In jenem Winter folgten noch sein erster WM-Titel und neun weitere Weltcup-Siege. Mit einem riesigen Vorsprung von 358 Punkten auf Martin Schmitt gewann er damals den Gesamtweltcup – und löste in der Heimat einen Hype aus, den es um einen Einzelsportler in Polen noch nie gegeben hatte.
Malysz wurde ein Superstar, ein Volksheld, dessen Bedeutung in Polen weit über den Status eines Sportlers hinausgeht. Der Begriff „Malyszomania“, der seitdem seinen Heldenstatus beschreibt, war geboren. Was es für ihn und seine Familie bedeutet hat, der Liebling einer ganzen Nation zu sein, beschrieb er einmal recht anschaulich: „Wir konnten kein Leben wie alle anderen führen. Unser Haus in Wisla war eine Station von Sightseeingtouren, Touristenbusse parkten davor. Mehr als zehn jeden Tag“, sagte Malysz.
Die Schatten- und Sonnenseiten des Ruhms
Sich in Wisla frei bewegen zu können, war für ihn jahrelang nicht möglich. „In der krassesten Zeit“, so schilderte er, wusste er nicht einmal mehr, wie der Marktplatz aussah, „weil ich vier Jahre nicht hingehen konnte“. Einmal habe er sich sogar in einem Schrank verstecken müssen, als ein Journalist in das offene Haus seiner Großmutter eindrang. „Es war zu spät, um davonzurennen“, sagte er, „also versteckte ich mich im Schrank“. Er blieb dort drei Stunden.
Die Sonnenseite erlebte er in der Saison nach seinem ersten Sieg im Gesamtweltcup. Zu seinem Heimspiel in Zakopane pilgerten an einem einzigen Wochenende im Januar 2002 sage und schreibe 150.000 Menschen! Allein am Samstag bevölkerten 80.000 Fans das Stadion, das normalerweise nur für die Hälfte zugelassen war. Die Stimmung, die an diesen Tagen an der Skisprungschanze am Nordhang des Berges Krokiew herrschte, beschrieb Sven Hannawald einmal als „die absolute Hölle“.
Karriereende und zweites Leben im Motorsport
Olympiasieger aber wurde Malysz nie. Nachdem er 2006 in Turin keine Medaille holen konnte, habe er schon überlegt, seine Laufbahn zu beenden. Er tat es nicht – und trug sich stattdessen ein Jahr später als Rekord-Weltmeister in die Geschichtsbücher ein. Wiederum exakt vier Jahre später – am 3. März 2011 – kündigte Malysz das Ende seiner Skisprungkarriere an. Vom Sport allgemein aber zog er sich nicht zurück.
Der Familienvater – seit bald 30 Jahren verheiratet mit Jugendliebe Izabela – wagte einen außergewöhnlichen Sprung und wechselte im Alter von 33 Jahren in den Rallyesport. Seit 2012 nahm er fünfmal an der Rallye Dakar teil. Sein bestes Ergebnis fuhr 2014 mit Platz 13 ein. Nach dem Ausflug in den Motorsport kehrte Malysz als Funktionär in den Skisport zurück. 2022 stieg der heute 48-Jährige in Polen vom Sportdirektor zum Präsidenten des nationalen Skiverbandes auf.
Ein unerreichbares Vermächtnis
Sein Erbe auf den Schanzen traten Ausnahmeathleten wie Kamil Stoch, Dawid Kubacki oder Piotr Zyla an. Der Legendenstatus eines Adam Malysz aber werden seine Nachfolger nie erreichen. Der „Adler von Wisla“ zieht in den Herzen seiner Landsleute auch weiterhin einsam seine Kreise – ein bis heute unerreichtes Idol, dessen historischer WM-Titel vor 19 Jahren die Dimension seiner außergewöhnlichen Karriere unterstreicht.



