Emotionaler Olympiasieg nach persönlicher Tragödie
Der norwegische Biathlet Johan-Olav Botn hat im italienischen Antholz einen bewegenden Olympiasieg im Einzelwettbewerb errungen. Der 25-Jährige krönte damit nicht nur seine Karriere, sondern widmete den Triumph seinem verstorbenen Teamkollegen Sivert Guttorm Bakken, den er nur wenige Wochen zuvor tot in einem Hotelzimmer aufgefunden hatte.
Ein Fingerzeig zum Himmel
Schon vor der Ziellinie zeigte Botn eine Geste, die unter die Haut ging: Er reckte einen Finger gen Himmel und blickte nach oben – eine stille Widmung an seinen Freund. „Ich hatte das Gefühl, dass ich die letzte Runde mit ihm gelaufen bin“, erklärte der überwältigte Olympiasieger im ZDF-Interview. „Wir haben im letzten Jahr fast jeden Tag zusammen trainiert, für uns beide war es ein großer Traum, hier Olympiasieger zu werden.“
Tragischer Hintergrund des Triumphs
Der Weltcupwinter der norwegischen Biathleten war von einer schockierenden Tragödie überschattet worden: Botn hatte seinen Teamkollegen Bakken am Tag vor Heiligabend während eines Trainingslagers im italienischen Lavazé leblos in dessen Hotelzimmer gefunden. Die genauen Todesumstände sind weiterhin ungeklärt, Ergebnisse einer Obduktion sollen erst im März veröffentlicht werden.
Diese traumatische Erfahrung stürzte das gesamte norwegische Team in eine psychische Ausnahmesituation. Botn, der zu Saisonbeginn noch das Gelbe Trikot des Gesamtführenden getragen hatte, musste eine längere Wettkampfpause einlegen und kehrte erst zur Olympia-Generalprobe in Nove Mesto zurück in den Weltcup.
Emotionale Reaktionen im Team
Die Gefühlswallungen beschränkten sich nicht nur auf den Sieger. Teamkollege Sturla Holm Laegreid, der hinter dem Franzosen Eric Perrot Bronze gewann, brach im Ziel in Tränen aus. Auch auf dem Podest während der norwegischen Nationalhymne kämpften beide Athleten sichtlich mit ihren Emotionen.
„Ich habe auf der letzten Runde kaum an mich selbst gedacht, meine Gedanken und Gefühle für Sivert kamen direkt nach dem letzten Schießen“, schilderte Botn den emotionalen Moment seines größten sportlichen Erfolgs.
Deutsche Biathleten verpassen Medaillen
Während die Norweger emotional triumphierten, mussten die deutschen Biathleten erneut eine Medaillen-Chance verpassen. Bester Deutscher wurde Philipp Nawrath als Fünfter, der einen „Leichtsinnsfehler“ beim ersten Liegendschießen beging und damit knapp die Bronzemedaille verpasste.
David Zobel und Lucas Fratzscher lieferten solide Olympia-Premieren ab und beendeten das Rennen auf den Plätzen 21 und 23. Eine große Enttäuschung musste hingegen Philipp Horn hinnehmen, der auf seinen Lieblingsstrecken gleich sechs Strafminuten kassierte und nur auf Rang 40 landete.
Deutsche Durststrecke hält an
Der Deutsche Skiverband wartet bei den Männern nun bereits seit zwölf Jahren auf eine olympische Biathlon-Medaille. Den letzten deutschen Olympiasieg feierte Michael Greis bei den Winterspielen von Turin 2006, Silber gewann Erik Lesser 2014 in Sotschi.
Bei den Frauen hatte Denise Herrmann-Wick vor vier Jahren in Peking triumphiert. Am Mittwoch treten für Deutschland über 15 Kilometer Franziska Preuß, Vanessa Voigt, Janina Hettich-Walz und Selina Grotian an, die die deutsche Medaillenhoffnung aufrecht erhalten wollen.
Für Johan-Olav Botn bleibt dieser Olympiasieg trotz aller Freude von der Trauer um seinen Freund überschattet. „Ich hoffe, er schaut von oben zu und ist stolz auf mich“, sagte der Norweger – eine Widmung, die diesem sportlichen Triumph eine tiefe menschliche Dimension verleiht.



