Emotionaler Triumph in Antholz: Botns Gold für den toten Freund
Der norwegische Biathlet Johan-Olav Botn hat bei den Olympischen Winterspielen in Antholz einen bewegenden und historischen Sieg errungen. Im Einzelrennen über 20 Kilometer sicherte er sich die Goldmedaille und widmete diesen größten Erfolg seiner Karriere seinem verstorbenen Teamkollegen und Freund Sivert Guttorm Bakken. Schon vor der Ziellinie reckte Botn einen Finger gen Himmel – eine Geste des Gedenkens und des Grußes an den Freund, den er nur wenige Wochen zuvor unter tragischen Umständen verloren hatte.
Ein Schockmoment verändert alles
Die Vorgeschichte dieses Triumphes ist von tiefster Trauer geprägt. Botn hatte Bakken am 23. Dezember in einem Trainingslager im italienischen Lavazé leblos in dessen Hotelzimmer aufgefunden. Dieser Schockmoment versetzte das gesamte norwegische Team in einen Ausnahmezustand. Die genauen Umstände des Todes sind bis heute ungeklärt, Ergebnisse einer Obduktion sollen erst im März veröffentlicht werden. Für Botn, der mit Bakken fast täglich trainierte und gemeinsame olympische Träume teilte, brach eine Welt zusammen.
„Wir haben im letzten Jahr fast jeden Tag zusammen trainiert, für uns beide war es ein großer Traum, hier Olympiasieger zu werden“, sagte Botn im Interview mit dem ZDF. „Ich hatte das Gefühl, dass ich die letzte Runde mit ihm gelaufen bin und ich hoffe, er schaut von oben zu und ist stolz auf mich.“ Diese Worte spiegeln die emotionale Tiefe wider, die diesen sportlichen Moment überstrahlt.
Perfekte Leistung trotz psychischer Belastung
Botns Weg zurück in den Wettkampf war steinig. Nach dem Tod Bakkens und einer anschließenden Krankheitspause kehrte er erst zur Olympia-Generalprobe in Nove Mesto in den Weltcup zurück. Umso bemerkenswerter war seine fehlerfreie Leistung in Antholz: null Schießfehler bei vier Schießeinlagen. „Ich weiß nicht, wie ich das gemacht habe. Ich habe das Gefühl gefunden, wie ich es vor Weihnachten gemacht habe“, gestand der Norweger. „Ich war im Flow, ich habe seit Weihnachten kaum trainiert und meine Form war nicht besonders gut, ich musste es am Schießstand machen.“
Teamkollegen brechen in Tränen aus
Die Emotionen griffen auch auf Botns Teamkollegen über. Sturla Holm Laegreid, der hinter dem Franzosen Eric Perrot Bronze gewann, brach im Ziel in Tränen aus. Auf dem Podest kämpften sowohl Laegreid als auch Botn sichtlich mit ihren Gefühlen, als die norwegische Hymne erklang. Diese Szene unterstrich die kollektive Trauer und den Zusammenhalt des Teams, das geschlossen zu Bakkens Beerdigung in Lillehammer gereist war.
Deutsche Biathleten mit gemischten Ergebnissen
Auf deutscher Seite verlief das Rennen durchwachsen. Bester Deutscher wurde Philipp Nawrath, der als Fünfter nur knapp eine Medaille verpasste. Ein „Leichtsinnsfehler“ beim ersten Liegendschießen kostete ihn mögliches Bronze. „Ohne diesen hätte es gereicht, aber ich bin dennoch sehr zufrieden“, sagte der 32-Jährige, der zuvor mit Bronze in der Mixed-Staffel motiviert war.
Die Olympia-Debütanten David Zobel (Rang 21) und Lucas Fratzscher (Rang 23) lieferten solide Leistungen mit jeweils nur zwei Schießfehlern. Enttäuschend verlief das Rennen dagegen für Philipp Horn: Der Thüringer kassierte auf seinen Lieblingsstrecken sechs Strafminuten und landete abgeschlagen auf Rang 40.
Deutsches Medaillen-Dauern wartet weiter
Der Deutsche Skiverband wartet bei den Männern im Einzel nun seit zwölf Jahren auf eine Medaille. Den letzten Olympiasieg feierte Michael Greis 2006 in Turin, Silber holte Erik Lesser 2014 in Sotschi. Bei den Frauen triumphierte zuletzt Denise Herrmann-Wick 2022 in Peking. Am Mittwoch treten Franziska Preuß, Vanessa Voigt, Janina Hettich-Walz und Selina Grotian über 15 Kilometer an, um die deutsche Medaillenbilanz zu verbessern.
Botns Sieg bleibt jedoch der bewegendste Moment dieser Spiele – ein Triumph, der über den Sport hinausweist und die Kraft menschlicher Verbundenheit in tragischen Zeiten zeigt.



