Felix Neureuther analysiert deutsche Olympia-Bilanz: Kritik an Sportpolitik und Ruf nach Heimspielen
Neureuther: Deutsche Olympia-Bilanz zeigt strukturelle Probleme

Olympia-Analyse von Ski-Experte Felix Neureuther: Eine kritische Bestandsaufnahme

Die Olympischen Winterspiele 2026 werden dem ehemaligen Skistar Felix Neureuther noch lange in Erinnerung bleiben. Als ARD-Experte analysiert der 41-Jährige nicht nur die spektakulären Wettkämpfe, sondern zieht auch eine ernüchternde Bilanz für das deutsche Team.

Die großen Geschichten der Spiele

An diese olympischen Momente werde ich mich noch lange erinnern, beginnt Neureuther seine Analyse. Die Ski-Wettbewerbe allein boten genug Stoff für mehrere Hollywood-Produktionen. Er nennt drei besondere Geschichten:

  • Lucas Pinheiro Braathen, der Brasilien die erste olympische Wintermedaille überhaupt bescherte – und gleich mit Gold
  • Der Schweizer Franjo von Allmen, dem als erstem Ski-Athleten seit 58 Jahren drei Olympiasiege gelangen
  • Federica Brignone, deren Comeback nach schwerer Verletzung zur mentalen Meisterleistung wurde

Für mich ist Brignone DIE Geschichte dieser Spiele, betont Neureuther. Ihre zwei Goldmedaillen im Super-G und Riesenslalom nach dem Beinbruch im vergangenen April – das hat wirklich niemand für möglich gehalten.

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Besonders emotional wird der Experte bei der Geschichte von Lindsey Vonn. Wir kennen uns seit unserem 13. Lebensjahr, erklärt er. Ihr Sturz hat mir unheimlich wehgetan. Sie hat alles riskiert und wurde nicht belohnt – aber es war der einzig richtige Weg.

Die deutsche Bilanz: Ernüchternd mit Ausnahmen

Die deutsche Mannschaft erreichte mit 24 Medaillen Platz 6 im Medaillenspiegel – das schlechteste Ergebnis seit Sotschi 2014. Wir müssen diese Bilanz zweiteilig betrachten, fordert Neureuther eine differenzierte Analyse.

Ohne die Erfolge im Eiskanal (Bob, Rodeln, Skeleton) bliebe nur der Olympiasieg von Skispringer Philipp Raimund übrig. Dann hätten wir 17 Medaillen weniger auf dem Konto, rechnet der Experte vor. Das macht nachdenklich.

Kritik an der Sportpolitik statt an den Athleten

Ich möchte den Athleten keine Note geben, stellt Neureuther klar. Sie geben alles aus ihren Möglichkeiten heraus. Stattdessen richtet sich seine Kritik an die Sportpolitik.

  1. Finanzielle Anreize: Während Italiener für Gold 180.000 Euro erhalten, sind es in Deutschland nur 30.000 Euro
  2. Strukturelle Probleme: Der Medaillenspiegel spiegelt wider, wie Leistungs- und Breitensport in Deutschland verankert sind
  3. Politisches Engagement: Neureuther wünscht sich, dass der Geist der Großereignisse in die politischen Gremien getragen wird

Unsere Kinder brauchen das Signal, dass sportliche Leistung belohnt wird, fordert der Experte. In welcher Sportart lohnt es sich denn noch, Olympiasieger zu werden?

Die Lösung: Olympische Spiele in Deutschland

Neureuther sieht in Olympischen Spielen im eigenen Land die große Chance. Deshalb brauchen wir dringend Olympia in Deutschland, argumentiert er. Das Beispiel Italien zeige die Wirkung: Vom Gastgeberland stieg die Nation von außerhalb der Top-10 auf Platz 4 im Medaillenspiegel.

Großbritannien diene als weiteres Vorbild: Nach den Heimspielen in London 2012 verdoppelte sich die Medaillenausbeute und das Land etablierte sich dauerhaft unter den Top-4-Nationen. Ich bin überzeugt, dass Olympia in Deutschland unseren Sport retten und uns relativ schnell wieder nach oben führen kann, sagt Neureuther.

Strukturelle Probleme im deutschen Sport

Bis zu möglichen Heimspielen identifiziert der Experte mehrere Baustellen:

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  • Frühe Professionalisierung: In Deutschland spezialisieren sich Kinder zu früh auf eine Sportart, während norwegische Jugendliche sich bis 15 oder 16 Jahren in mehreren Sportarten entwickeln können
  • Sport im Bildungssystem: Das Fach Sport hat zu geringen Stellenwert, Unterricht fällt häufig aus
  • Nachwuchsprobleme: Viele Kinder verlassen zwischen 13 und 15 Jahren die Vereine, entweder wegen schulischer Belastung oder weil sie vom System fallen gelassen werden

Wenn Kindern in Zeiten der Digitalisierung alles abgenommen wird und sie sich effektiv nur 30 Minuten pro Woche bewegen, hat das mit Sportförderung nichts zu tun, kritisiert Neureuther. Er fordert zwei Stunden Sport täglich als Gesundheitsförderung im Bildungssystem.

Düstere Prognose ohne Veränderungen

Ohne strukturelle Reformen prophezeit Neureuther weitere Tiefpunkte. Ich kann Ihnen prognostizieren, dass bei den Winterspielen 2030 in Frankreich der nächste Tiefpunkt erreicht wird, warnt er.

Das Problem: Uns gehen die Medaillengaranten verloren. Franziska Preuß beendet ihre Karriere, die Rodel-Doppelsitzer Tobias Wendl und Tobias Arlt machen keinen weiteren Olympia-Zyklus mehr, und Bob-Pilot Francesco Friedrich hört ebenfalls auf.

Wo haben wir einen 17-, 18- oder 19-Jährigen, bei dem man das Gefühl hat, er könnte dreimal Olympiasieger werden?, fragt Neureuther rhetorisch. Seine Lösung bleibt eindeutig: Lasst uns die Olympischen Spiele nach Deutschland holen – völlig egal, ob Sommer oder Winter. Wir haben nur noch diese eine große Chance!