Skibergsteigen erobert die olympische Bühne: Eine Premiere mit Tradition und Tempo
Die Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand und Cortina d’Ampezzo schreiben Geschichte: Erstmals wird Skibergsteigen, auch bekannt als Skimo, olympische Medaillen vergeben. Diese Sportart, die aus dem klassischen Skitourengehen hervorgegangen ist, erlebt derzeit einen enormen Boom. Doch wie genau funktioniert Skibergsteigen, und welche Aussichten haben die deutschen Starterinnen und Starter auf dem olympischen Parkett?
Die Faszination des Skimo: Vom Gipfelbrot zum Hochtempo-Wettkampf
Skibergsteigen, abgekürzt Skimo vom englischen Begriff Ski Mountaineering, hat seine Wurzeln im traditionellen Skitourengehen. Die Athletinnen und Athleten erklimmen mit Skiern einen Hang, wobei spezielle Felle unter den Skiflächen ein Rückwärtsrutschen verhindern. Oben angekommen, werden diese Felle blitzschnell entfernt, und es geht in einer kurzen, technischen Abfahrt hinunter. Tatjana Paller, Deutschlands beste Skibergsteigerin, bringt es auf den Punkt: „Bei uns gibt es natürlich kein gemütliches Gipfelbrot.“ Stattdessen dominiert bei den olympischen Wettkämpfen ein knackiges Tempo.
Olympische Disziplinen: Sprint und Mixed-Staffel im Fokus
In Bormio, auf der berühmten Stelvio-Piste, wo bis vor kurzem noch alpine Skirennfahrer den Berg hinunterrasten, finden die olympischen Skimo-Wettkämpfe statt. Ausgetragen werden zwei Disziplinen:
- Sprint: Eine schnelle K.o.-Runde mit einem 70 Höhenmeter Anstieg, inklusive einer Tragepassage, bei der die Ski auf dem Rücken getragen werden. Die gesamte Runde dauert etwa drei Minuten.
- Mixed-Staffel: Ein Teamwettbewerb, bei dem eine Frau und ein Mann den Kurs jeweils zweimal absolvieren.
Der Wettkampfablauf ist straff organisiert: Am Donnerstag beginnen um 9.50 Uhr die Vorläufe, gefolgt von Halbfinals ab 12.55 Uhr und Finals um 13.55 Uhr. Die Mixed-Staffel startet am Samstag um 13.30 Uhr. Das ZDF überträgt die Events im Stream.
Deutsche Medaillenchancen: Tatjana Paller als Hoffnungsträgerin
Die größte deutsche Medaillenhoffnung ruht auf den Schultern von Tatjana Paller. Die 30-jährige Sportsoldatin holte 2025 WM-Bronze und erfüllt sich ihren Olympia-Traum auf dem zweiten Bildungsweg. Ursprünglich als Radsportlerin für die Sommerspiele 2016 nominiert, schaffte sie es damals nicht nach Rio. 2020 machte sie ihr Hobby Skitourengehen zum Beruf. „Auf meinen Lehrgängen der Bundeswehr in Hannover wussten die meisten gar nicht, wovon ich rede“, schildert Paller die bisherige Nischenexistenz des Sports.
Weitere deutsche Teilnehmer sind die erst 19-jährige Helena Euringer und im Männer-Sprint Finn Hösch (23). Paller und Hösch bilden zudem das Duo für die Mixed-Staffel.
Boomender Sport und olympische Ambitionen
Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat Skibergsteigen ins Programm aufgenommen, weil der Sport boomt. Der Deutsche Alpenverein (DAV) schätzt, dass es in Deutschland rund 600.000 Skitourengeherinnen und Skitourengeher gibt – mehr als dreimal so viele wie vor etwa 25 Jahren. Ähnliche Trends sind in der Schweiz, Österreich und dem Gastgeberland Italien zu beobachten, wo Skibergsteigen eine lange Tradition hat.
Die Skimo-Szene hofft, dass die Olympia-Premiere den Sport weiter pusht und die Wettkämpfe in Bormio ein Publikumserfolg werden. Nur so steigen die Chancen, dass Skibergsteigen auch bei den Winterspielen 2030 in Frankreich im Programm bleibt.
Kritik und Kontroversen: Tradition versus Modernisierung
Nicht alle sind begeistert von der olympischen Premiere. Traditionalisten kritisieren, dass sich ihr ursprünglich von Freigeistern und Outdoor-Enthusiasten geprägter Sport dem „IOC-Joch“ unterwirft. Sie bemängeln, dass die ausgewählten Disziplinen Sprint und Mixed-Staffel vor allem deshalb gewählt wurden, weil sie sich gut für Fernsehübertragungen eignen. Die eigentliche Königsdisziplin, das Individual, ein oft rund eineinhalb Stunden langer Wettkampf mit mehreren Anstiegen und über 1000 Höhenmetern, fand keinen Platz im olympischen Programm.
Solche Zweifel sind bei Trendsportarten nicht neu: Ähnliche Kritik gab es bereits, als Snowboard, Surfen oder Sportklettern olympisch wurden. Dennoch markiert die Aufnahme von Skibergsteigen einen wichtigen Schritt für die Sportart, die nun ein größeres Publikum erreichen und ihre Popularität weiter steigern kann.



