Biontech stellt sich neu auf: Krebsmedizin statt Impfstoffproduktion
Das Mainzer Biotechnologieunternehmen Biontech durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Nach dem Ende der Corona-Pandemie bricht die Nachfrage nach dem Covid-19-Impfstoff ein. Das Unternehmen reagiert mit einem radikalen Strategiewechsel: weg von der Impfstoffproduktion, hin zur Entwicklung von Krebsmedikamenten auf mRNA-Basis. Die Folgen sind schmerzhaft: Bis zu 1.860 Arbeitsplätze sind bedroht, mehrere Standorte werden geschlossen oder verkauft.
Standortschließungen und Jobabbau
Betroffen sind die Werke in Idar-Oberstein (Rheinland-Pfalz), Marburg (Hessen) sowie die Standorte des übernommenen Konkurrenten Curevac in Tübingen und Singapur. In Idar-Oberstein bangen rund 440 Beschäftigte um ihre Zukunft; das Werk war auf die Produktion von mRNA- und Zelltherapeutika spezialisiert. In Marburg, wo etwa 540 Mitarbeiter betroffen sind, wird noch in diesem Jahr die letzte Charge des Covid-19-Impfstoffs hergestellt, danach steht der Rückbau an. Die Curevac-Standorte in Tübingen und Umgebung haben insgesamt 820 Stellen im Fokus, hinzu kommen 60 Jobs in Singapur.
Die Kritik an der Unternehmensführung ist scharf. Curevac-Gründer Ingmar Hoerr wirft Biontech Täuschung vor: „Es war vereinbart, ein gemeinsames Unternehmen zu schaffen. Das wurde jetzt über den Haufen geschmissen. Die Übernahme hätte nie erfolgen dürfen.“ Er vermutet, dass Biontech mit dem Vorgehen Patentstreitigkeiten umgehen wolle.
Finanzielle Lage und neue Partnerschaft
Biontechs Umsatz ist im ersten Quartal 2026 auf 118,1 Millionen Euro eingebrochen, der Nettoverlust stieg auf 531,9 Millionen Euro. Für das Gesamtjahr erwartet das Unternehmen Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro. Um die Wende zu schaffen, setzt Biontech auf eine milliardenschwere Kooperation mit dem US-Pharmariesen Bristol Myers Squibb. Für die Entwicklung eines Krebsmedikaments fließen insgesamt 3,5 Milliarden US-Dollar an Biontech – davon 1,5 Milliarden sofort und zwei Milliarden bis 2028. Diese Zahlungen sind nicht an Bedingungen geknüpft und geben dem Unternehmen finanzielle Sicherheit.
Forschung und Entwicklung als Kern
Biontech versteht sich nicht mehr als Impfstoffhersteller, sondern als Biopharma-Unternehmen mit Schwerpunkt auf mRNA-basierten Krebstherapien. Allein im ersten Quartal gab das Unternehmen 557 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung aus. Durch die Konsolidierung sollen jährlich bis zu 500 Millionen Euro eingespart werden, die in die Entwicklung und Markteinführung neuer Medikamente fließen. Bis 2030 plant Biontech mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Kandidaten einzureichen.
Reaktionen aus der Politik
Der designierte rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) betont: „Rheinland-Pfalz bleibt trotz der schmerzhaften Einschnitte einer der bedeutendsten Biotechnologie- und Pharmastandorte in Deutschland.“ Er verspricht, die Clusterbildung zu fördern und die Unternehmen im globalen Wettbewerb zu unterstützen. Dennoch bleibt die Stimmung in den betroffenen Regionen angespannt, da viele Arbeitsplätze und öffentliche Fördermillionen in den Werken stecken.
Ausblick für den Standort Deutschland
Biontechs Neuausrichtung zeigt, wie schnell sich ein Unternehmen vom Pandemiegewinner zum Krisenfall wandeln kann. Die Konzentration auf Krebsmedizin ist strategisch nachvollziehbar, birgt aber Risiken: Die Entwicklung neuer Medikamente ist langwierig und teuer. Die Kooperation mit Bristol Myers Squibb mildert den Druck, doch ob die Forschungserfolge bis 2030 ausreichen, um das Unternehmen dauerhaft zu stabilisieren, bleibt abzuwarten. Für die betroffenen Standorte in Deutschland hängt vieles davon ab, ob sich finanzstarke Investoren finden, die die hochwertigen Labore übernehmen und Arbeitsplätze erhalten.



