München – Jedes Jahr das gleiche Ritual: Kaum zeigt sich die Maisonne und lockt die ersten zarten Triebe aus der Erde, lauert schon die nächste Gefahr im Kalender. Die Eisheiligen – fünf kritische Tage zwischen dem 11. und 15. Mai – können mit spätem Nachtfrost die Gartenarbeit von Wochen in einer einzigen Nacht zunichte machen. Was harmlos klingt, hat meteorologische Tiefe und ist für Millionen Hobbygärtnerinnen und -gärtner in Deutschland jedes Frühjahr bitterer Ernst.
Hinter dem Begriff „Eisheilige“ steckt kein Aberglauben, sondern ein historisch gewachsenes, wissenschaftlich belegtes Wetterphänomen. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) handelt es sich um ein sogenanntes wiederkehrendes Wetterphänomen – ähnlich wie die Schafskälte im Juni oder der Altweibersommer im Herbst. Aufzeichnungen aus dem 19. Jahrhundert zeigen, dass Kaltlufteinbrüche aus der Arktis gegen Mitte Mai nahezu regelmäßig auftraten. Benannt sind die fünf Tage nach frühchristlichen Heiligen: Mamertus (11. Mai), Pankratius (12. Mai), Servatius (13. Mai), Bonifatius (14. Mai) und schließlich die berühmte Kalte Sophie am 15. Mai.
Wer jetzt zu früh handelt, riskiert seinen gesamten Pflanzenbestand. Besonders frostempfindliche Sommerblumen wie Geranien, Fuchsien, Zinnien, Tagetes, Gladiolen und Knollenbegonien sollten laut NDR-Gartenexperten keinesfalls vor dem 15. Mai ins Freiland oder auf den Balkon. Dasselbe gilt für beliebtes Gemüse: Tomaten, Paprika, Auberginen, Gurken, Zucchini, Kürbisse und Bohnen stammen aus wärmeren Regionen und reagieren selbst auf leichten Bodenfrost mit Wachstumsstopps oder abgestorbenen Trieben. Die alte Bauernregel bringt es auf den Punkt: „Pflanze nie vor der kalten Sophie.“
Wer bereits Pflanzen ins Freie gesetzt hat oder dies kurzfristig tun möchte, sollte die Nachttemperaturen täglich im Blick behalten. Bei drohenden Kälteeinbrüchen sind folgende Schutzmaßnahmen empfehlenswert: Unbeheizte Gewächshäuser und Wintergärten bieten Schutz, sind aber kein Freifahrtschein: Auch dort sollte mit einem Minimum-Maximum-Thermometer die Nachttemperatur kontrolliert werden. Kübelpflanzen wie Zitrusbäume, die bereits ins Freie gebracht wurden, gehören bei Frost zurück in einen frostfreien Raum.
BR-Wetterexpertin Hana Hofman gab Anfang Mai 2026 zunächst Entwarnung: „Ernsthafte Frostgefahr für empfindliche Pflanzen ist nach aktueller Prognose weder in dieser noch in der nächsten Woche zu erwarten.“ Zwar kühle es sich zur Wochenmitte merklich ab, mit Höchstwerten um 16 Grad tagsüber und nachts auf 6 Grad sinkenden Temperaturen. Doch von wirklich frostigen Nächten sei man 2026 weit entfernt. Dennoch schränkt sie ein: „Theoretisch kann es bis Ende Mai noch Luftfröste geben.“ SWR-Wetterexperte Michael Kost warnt hingegen grundsätzlich vor zu viel Gelassenheit: „Mehr als fünf Tage im Voraus sind da keine zuverlässigen Prognosen möglich. Ein Kaltluftvorstoß polaren Ursprungs ist bis in die zweite Maihälfte hinein immer möglich.“
Wer glaubt, der Klimawandel habe die Eisheiligen längst entschärft, irrt. DWD-Meteorologe Lothar Bock stellt klar: „Ob es im Mai noch kühle Nächte und gegebenenfalls noch Frost gibt, hängt bei uns immer noch sehr stark von der konkreten Wetterlage ab und weniger vom vieljährigen Klimazustand.“ Zwar kämen Nachtfröste im Schnitt etwas früher im Jahr als früher – ein mögliches Indiz für den Klimawandel. Aber das bedeute keineswegs, dass die Eisheiligen seltener zuschlagen. Besonders gefährdet bleiben Lagen in Mulden und Senken, in denen sich Kaltluft sammelt. Küstennahe Regionen an Nord- und Ostsee sind dagegen durch den maritimen Einfluss weniger frostgefährdet.



