Warum sich ein genauer Blick auf chinesische Produkte lohnt
China ist bei Schlüsseltechnologien weit vorn, während Deutschland oft zuschaut. Doch woran erkennt man, wie weit China wirklich ist? Häufig an technischen Normen. Eine Expertin erklärt, warum das so ist und welche Konsequenzen sich daraus für Unternehmen ergeben.
Der Handelsblatt-Newsletter „Shift“ liefert regelmäßig Themen nach dem Motto „Nicht jammern, machen“. Anlässe zum Jammern gibt es genug, etwa eine Studie des Centre for European Reform (CER) mit dem Titel „China-Schock 2.0 – die Kosten der Selbstzufriedenheit Deutschlands“. Der in London ansässige Thinktank für EU-Politik bewertet darin die Folgen der aggressiven chinesischen Wirtschaftspolitik für Deutschland: China erobere in atemberaubender Geschwindigkeit eine Schlüsselindustrie nach der anderen, während die Bundesregierung dem Niedergang zusehe.
Wer sich damit nicht abfinden will, findet im folgenden Interview mit Professorin Sabrina Weithmann von der Technischen Hochschule Aschaffenburg Inspiration. Sie erläutert, wie sich einschätzen lässt, in welcher Entwicklungsphase sich eine Technologie in einem Land wie China befindet – und welche Konsequenzen das für Unternehmen hat. Die Expertin für technische Normung empfiehlt, sich rechtzeitig damit auseinanderzusetzen.
Drei Phasen der technischen Normung
Weithmann hat drei Phasen der technischen Normung identifiziert, die den Innovationsgrad eines Landes anzeigen:
- Phase eins: Ein Land übernimmt internationale Produktstandards – auch, um ausländisches Kapital anzuziehen.
- Phase zwei: Eigene Entwicklungsfähigkeiten sind fortgeschritten. Gut ausgebildete Ingenieure treiben eigene Entwicklungen voran. In dieser Phase kann es vorkommen, dass ein Land bestimmte Normen für den heimischen Markt überarbeitet, anpasst oder sogar Produkte neu gestaltet.
- Phase drei: Das Land versucht, selbst international geltende Normen zu setzen und Produkte mit den eigenen Technologien weltweit zu verkaufen – nicht zwingend dort, wo die bisherigen Technologieführer heimisch sind.
Ein Beispiel: Eine internationale Norm für Windräder gibt vor, dass eine Anlage möglichst leise laufen muss. In Deutschland stehen die nächsten Häuser oft nah, in China ist das kein zwingendes Kriterium, denn das Land hat viel unbewohnte Fläche. So exportierte China E-Autos zunächst nach Südostasien oder Russland und setzte damit eigene Standards international durch.
Interview mit Professorin Sabrina Weithmann
Frage: Frau Professorin Weithmann, wie können Unternehmen verhindern, dass sie technologisch von der chinesischen Konkurrenz überholt werden?
Weithmann: Unternehmen sollten die technologischen Pläne Chinas genau beobachten. Welche industriespezifische Unterstützung und Förderung gibt es? Wer sind die wichtigen Akteure? Sind sie bereits international aktiv? Sind sie schon in Phase drei oder eher noch in Phase zwei? Wenn eine Branche in China in der zweiten Phase ist, kann es sein, dass man nur schwer mitbekommt, was dort passiert. Und dann könnte es zu spät sein, um noch mitzuhalten.
Frage: Ein gutes Beispiel ist die E-Mobilität: China hat früh entschieden, diese Branche politisch zu fördern. Hätten deutsche Unternehmen das vorhersehen können?
Weithmann: China hat klare Industriepläne, die zeigen, welche Technologien für das Land wichtig sind. Daran lässt sich viel ablesen. Viele Firmen haben das sicherlich vernachlässigt. Besonders bei neuen Technologien ist es wichtig, den aktuellen Stand zu bewerten und zu überlegen, welche Entwicklungen auf uns zukommen könnten. Auch wenn ein Unternehmen in China weniger aktiv ist, sollte es die Konkurrenz dort im Auge behalten.
Frage: China profitiert von einem großen Markt. Dagegen kommen wir kaum an, oder?
Weithmann: Ja, das ist ein Vorteil, den wir in Deutschland nicht haben. Aber wir denken oft nur national und können die Phase zwei für Technologien nicht so lange ausdehnen wie China, weil unser Markt kleiner ist und wir nicht so skalieren können. Deshalb sollten wir uns stärker in Europa vernetzen, um Produkte besser skalieren zu können.
Frage: Sie haben mit Ihrer ehemaligen Promotionskollegin Susann Lüdtke ein Risk-Assessment-Tool entwickelt. Wie funktioniert das?
Weithmann: Unternehmen schauen sich zunächst den Markt entsprechend der drei Phasen an und stufen sich selbst und ihre Konkurrenten ein. Dann bewerten sie das Potenzial möglicher Technologieabweichungen anhand verschiedener Kriterien – im technischen, operativen, strategischen, administrativen, organisationalen Bereich oder beim Marktzugang. Im nächsten Schritt bewerten sie die Auswirkung einer solchen Abweichung auf das eigene Geschäftsmodell und leiten passende Maßnahmen ab.
Frage: Wie könnten diese Maßnahmen aussehen?
Weithmann: Die Bandbreite ist groß. Manchmal reicht es, eine Beschreibung in einem Handbuch anzupassen oder eine Zusatzinfo auf ein Label zu drucken. Gravierend wird es, wenn ein Unternehmen ein Produkt für einen Markt stark oder komplett anpassen muss, etwa weil die regulatorischen Bestimmungen anders sind. Dann müsste geprüft werden, ob sich die Produktanpassung noch rechnet – oder ob ein Rückzug aus dem Markt besser ist.
Frage: Wie können Unternehmen mit begrenzten Ressourcen alle Risiken im Blick behalten?
Weithmann: Sie sollten sich über Industrieverbände vernetzen, eventuell Partnerschaften mit chinesischen Firmen eingehen, um mitzubekommen, wo die Branche in China gerade steht. Das Wissen über mögliche Abweichungen, deren Auswirkung und Maßnahmen kann sehr wichtig werden, um firmenintern mehr finanzielle und personelle Ressourcen für Engagement, Monitoring oder Entwicklung zu bekommen. Sonst sind sie irgendwann einfach abgehängt. Unternehmen sollten sich rechtzeitig mit diesen Themen auseinandersetzen. Und der richtige Zeitpunkt ist in der Regel jetzt.
Frage: Frau Professorin Weithmann, herzlichen Dank für das Interview.



