Dritter Anlauf für deutschen E-Senkrechtstarter mit medizinischer Mission
Nachdem zwei deutsche Flugzeug-Start-ups bei der Entwicklung elektrischer Senkrechtstarter finanziell gescheitert sind, startet nun ein drittes Jungunternehmen einen ambitionierten Versuch. Das oberbayerische Unternehmen ERC System aus Ottobrunn bei München entwickelt einen fliegenden Krankenwagen mit Hybridmotor, der bis zum Jahr 2031 serienreif sein soll. Das berichteten Unternehmensvertreter und Kooperationspartner bei der Präsentation eines Prototyps im bayerischen Erding.
Zwei Vorgänger bereits gescheitert
Elektrische Senkrechtstarter, im Luftfahrtjargon als eVTOL (electric Vertical Take-Off and Landing aircraft) bezeichnet, haben in Deutschland bereits eine kurze, aber turbulente Geschichte. In den vergangenen beiden Jahren mussten die beiden Entwickler Lilium und Volocopter Insolvenz anmelden, weil es an willigen Kapitalgebern fehlte. Während Lilium den Betrieb komplett einstellte, wurde Volocopter schließlich von einem chinesischen Unternehmen übernommen.
Fliegender Krankenwagen für Patiententransporte
Das 2020 gegründete und 60 Mitarbeiter zählende Unternehmen ERC System verfolgt einen spezifischen Anwendungszweck für seinen Senkrechtstarter: Als fliegender Krankenwagen soll das Flugzeug für Patiententransporte zwischen Krankenhäusern eingesetzt werden. Kooperationspartner ist die renommierte Luftrettungsorganisation DRF.
„Wir gehen davon aus, dass wir deutlich mehr Patiententransporte sehen werden“, erklärte Christian Müller-Ramcke, Leiter Unternehmensentwicklung der DRF. Diese Entwicklung hänge mit verschiedenen Faktoren zusammen:
- Finanzprobleme vieler Krankenhäuser
- Damit einhergehende Schließungen von Kliniken
- Reformpläne der Bundesregierung im Gesundheitswesen
- Erwartete Spezialisierung chirurgischer Expertise in größeren Zentren
Hybridantrieb für größere Reichweite
Der in Erding vorgestellte Prototyp mit dem Namen „Romeo“ ist aktuell noch eine ferngesteuerte Drohne. Das fertige Flugzeug soll jedoch von Piloten gesteuert werden und eine Reichweite von bis zu 800 Kilometern erreichen. „Romeo haben wir bewusst als vollelektrischen Schwebedemonstrator konzipiert, weil das Schweben der kritischste Flugzustand ist, während der Vorwärtsflug keine große Herausforderung ist“, erläuterte ERC-Chef David Löbl.
Für die angestrebte Reichweite setzt das Unternehmen auf einen Hybridantrieb. „Der Kolbenmotor wird zukünftig die Reichweite unseres Flugzeuges verlängern“, so Löbl. Max Oligschläger, Mitgründer und kaufmännischer Leiter von ERC System, betonte die wirtschaftlichen Vorteile: „Elektrifiziert können wir zu ganz anderen Betriebskosten fliegen als ein konventionelles Flugzeug.“
Langfristiger Investor gibt Sicherheit
Ein entscheidender Unterschied zu den gescheiterten Vorgängerunternehmen könnte die Finanzierungsstrategie sein. ERC System hat mit dem bayerischen Luftfahrt-Dienstleister IABG einen langfristig orientierten Investor gewonnen. „Wir brauchen einen strategischen Investor, der uns nicht nur mit Kapital ausstattet, sondern auch mit Erfahrung und einem langen Atem unterstützen kann“, sagte Oligschläger. „Und das ist bei der IABG der Fall. Mittel- bis langfristig werden wir weitere Investoren dazu nehmen.“
Marktpotenzial für kleinere Flugzeuge
Die Unternehmensführung ist überzeugt, dass elektrische Flugzeuge eine Zukunft haben – zumindest in bestimmten Segmenten. „Das ist ein signifikanter Markt, vor allem bei Flugzeugen für den Transport von fünf, sechs Menschen“, so Oligschläger. Für größere Flugzeuge sei der Elektroantrieb beim derzeitigen Entwicklungsstand allerdings noch nicht geeignet, bestätigen auch Luftfahrtingenieure.
Mit ihrem dritten Anlauf zur Entwicklung eines deutschen E-Senkrechtstarters verfolgt ERC System einen pragmatischen Ansatz: Statt eines reinen Elektroantriebs setzt man auf Hybridtechnologie, statt auf breite Anwendungsmöglichkeiten konzentriert man sich auf den spezifischen Einsatz als fliegenden Krankenwagen, und statt auf kurzfristige Investoren vertraut man auf einen langfristigen Partner. Ob dieser Ansatz erfolgreicher sein wird als die gescheiterten Versuche der Vorgänger, wird sich bis zur geplanten Serienreife 2031 zeigen.



