Staufen im Schwarzwald: Geothermie-Bohrung lässt historische Altstadt zerbrechen
Seit dem Jahr 2007 erlebt die idyllische Stadt Staufen im südlichen Schwarzwald einen Albtraum, der das historische Stadtbild nachhaltig verändert. Was als moderne Energie-Lösung begann, entwickelte sich zu einer Katastrophe mit dramatischen Folgen für die denkmalgeschützte Altstadt.
Der Beginn einer folgenschweren Entscheidung
Im September 2007 startete die Stadt Staufen ein Geothermie-Projekt zur umweltfreundlichen Beheizung und Kühlung zweier sanierten Rathausgebäude. Sechs Bohrungen, jeweils 140 Meter tief, sollten die Erdwärme nutzbar machen. Doch dabei wurde eine grundwasserführende Schicht angebohrt – mit verheerenden Konsequenzen.
Bürgermeister Michael Benitz, der seit 24 Jahren im Amt ist, erinnert sich: „Kurz nach Inbetriebnahme zeigten sich erste Haarrisse. Dann war Alarm.“ Wasser drang in anhydritführende Gesteinsschichten ein, wodurch sich Anhydrit in Gips umwandelte – ein Mineral, das sich beim Kontakt mit Wasser stark ausdehnt.
Die Altstadt hebt sich Zentimeter für Zentimeter
Die Folgen waren unmittelbar spürbar:
- Anfängliche Hebung der Altstadt um 11 Millimeter pro Monat
- Häuser bekamen Risse, Mauern drückten auseinander
- Böden wölbten sich sichtbar
- Das historische Stadtbild veränderte sich dramatisch
Die Stadt reagierte mit Notmaßnahmen: Die Bohrungen wurden abgedichtet und Abwehrbrunnen eingerichtet. Seitdem werden pro Sekunde 5,5 Liter Wasser abgepumpt, um die weitere Ausdehnung des Gesteins zu verlangsamen.
Das Ausmaß der Schäden nach fast 20 Jahren
Heute, fast zwei Jahrzehnte nach Beginn der Katastrophe, zeigt sich das volle Ausmaß:
- Die Altstadt liegt insgesamt 72 Zentimeter höher als im Jahr 2007
- Gebäude haben sich teilweise um bis zu 50 Zentimeter verschoben
- 270 Häuser sind von den Schäden betroffen
- Der Gesamtschaden beläuft sich auf rund 50 Millionen Euro
Zum Glück blieb das befürchtete Szenario einer Anhebung um mehrere Meter aus. Die Bodenhebung hat sich mittlerweile auf etwa einen Millimeter pro Monat verlangsamt, doch die Spuren sind dauerhaft sichtbar.
Staufen: Vom Postkartenidyll zur Mahnung
Staufen im Schwarzwald galt lange als perfektes Postkartenmotiv mit Fachwerkhäusern, engen Gassen und einer 1250-jährigen Geschichte. Die Stadt verzeichnete jährlich etwa 170.000 Übernachtungen. Heute kommen viele Besucher nicht nur wegen des historischen Charmes, sondern auch um zu sehen, wie die Stadt trotz der massiven Bodenveränderungen noch steht.
Die Geschichte von Staufen dient als eindringliche Mahnung für die Risiken geotechnischer Eingriffe in historisch sensiblen Gebieten. Was als moderne, umweltfreundliche Lösung begann, entwickelte sich zu einem Lehrstück über die unvorhersehbaren Folgen menschlicher Eingriffe in geologische Systeme.



