Sandige Böden, wenig Regen und kein Wasserloch in Sicht: Auf vielen Äckern im Nordosten Deutschlands erschweren widrige Bedingungen den Pflanzenbau. Wie Landwirte dennoch gute Ernten erzielen und die Böden langfristig fruchtbar halten können, diskutierten Bauern aus Vorpommern-Greifswald und der Mecklenburgischen Seenplatte kürzlich bei einem Feldtag in der Gemeinde Boldekow bei Anklam.
Einladung zum Feldtag in Zinzow
Eingeladen hatten das Humus-Klima-Netz, ein Modellvorhaben mit 150 Betrieben zum Humusaufbau, das Demonstrationsprojekt Franz sowie der Bauernverband Mecklenburg-Vorpommern. Die Teilnehmer – Landwirte, Behördenmitarbeiter und Vertreter von Umweltschutzverbänden – wollten vor allem erfahren, wie Marco Gemballa, Geschäftsführer der Agrargesellschaft am Landgraben in Zinzow und Vize-Vorsitzender des Bauernverbands MV, seine Felder bewirtschaftet, ohne die Erde auszulaugen und die Artenvielfalt zu beeinträchtigen.
Marco Gemballas Erfolgsrezept: Ein Mix aus Maßnahmen
Gemballa setzt seit 1999 auf konservierende Bodenbearbeitung. „Das dient der Sicherung natürlicher Ressourcen, verhindert Erosion und spart Wasser“, erklärt er. Auf seinen mageren Böden mit nur 29 von 100 möglichen Bodenpunkten und regelmäßiger Frühjahrstrockenheit bleibe ihm gar nichts anderes übrig, wenn die Felder auch künftige Generationen ernähren sollen. „Ein Mix aus Maßnahmen ist mein Erfolgsrezept. Wir denken langfristig, um die Flächen ertragsfähig zu halten.“
Versuchsfeld mit Durchwachsener Silphie
Gemeinsam mit Marlene Gerken vom Humus-Klima-Netz präsentierte Gemballa ein Versuchsfeld, auf dem seit 2023 Durchwachsene Silphie angebaut wird. Die gelb blühende, mehrjährige Pflanze bildet ein dichtes Wurzelgeflecht, fördert den Humusaufbau und verhindert Bodenauswaschung. Zudem trägt sie als Ergänzung zu Mais und anderen Energiepflanzen zur Artenvielfalt bei und wird später in Biogasanlagen verarbeitet. Allerdings ist sie wirtschaftlich nur begrenzt einsetzbar, wie Andreas Gurgel von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft aus 16 Jahren Erfahrung berichtete: „Ihr Landschaftswert ist unbestritten, aber ihr Wasserbedarf ist höher als der von Mais.“
Feldvogelstreifen: Ein voller Erfolg
Fast ausschließlich gute Erfahrungen machte Gemballa mit sogenannten Feldvogelstreifen. Ein 22 Meter breiter Weizenstreifen in einem vier Hektar großen Rapsfeld führte zu einem deutlichen Anstieg von Feldlerchen und Schafstelzen und erleichterte die Bejagung von Reh-, Dam- und Schwarzwild. Unkrautprobleme in den Folgekulturen nimmt er dabei in Kauf.
Luzerne: Nahrung für Insekten und Vögel
Beim Luzerne-Anbau als Futter für Rinder ließ Gemballa zu Testzwecken drei Streifen Altluzerne beim ersten Schnitt stehen. Die blühende Kleeart zieht viele Insekten und Vögel an, schafft Struktur auf den Feldern und dient Tieren als Rückzugsort. Prompt habe sich das Braunkehlchen angesiedelt. „Luzerne gefällt mir sehr gut“, sagt Gemballa, auch wenn die Pflanze für ihn keinen wirtschaftlichen Nutzen mehr hat, da der Abnehmer in Friedland nun selbst Futter anbaut.
Bodenbearbeitung: Lockern statt Pflügen
Bei der Bodenbearbeitung verzichtet Gemballa weitgehend auf das klassische Pflügen. „Wir lockern den Boden, machen aber nichts stark Wühlendes oder Mischendes.“ Dadurch bleibe möglichst viel organische Masse zur Humusbildung an der Oberfläche. „Den Rest überlassen wir den Regenwürmern.“
Insektenwälle als Biotopverbund
Seit 2017 unterhält Gemballa drei Insektenwälle – 70 Zentimeter hohe Blühstreifen. Diese sogenannten Beetle Banks bieten Lebensraum für vom Aussterben bedrohte Vogelarten und sonnenliebende, grabende Insekten. Idealerweise sollten alle Einzelflächen zu einem Biotopverbund verflochten sein, um die besten Ergebnisse zu erzielen.
Vielfalt statt Einheitslösung
Gemballa betont, es gebe nicht die eine richtige Wahl zur Verbesserung der Böden und zum Schutz der Arten. „Jede Maßnahme hat einen Mehrfachnutzen.“ Ackerbau dürfe Biodiversität nicht ausschließen. Habe man sich erst einmal an Blühstreifen, Wälle und Versuchsflächen gewöhnt, störten sie bei der Bewirtschaftung nicht. Der Humusgehalt seiner Böden sei in den vergangenen 30 Jahren zumindest nicht gesunken. „Man entwickelt im Laufe der Zeit ein Gespür dafür, was man für die Artenvielfalt tun kann.“
Hoffnung auf Rückkehr der Rebhühner
Nur Rebhühner, einst verbreitete Bewohner deutscher Agrarlandschaften, hätten sich bei ihm noch nicht wieder eingestellt. Darauf hoffe er noch.
Naturschutz als Imagekampagne
Neben dem Arten- und Bodenschutz sei ihm und seinen zwei Gesellschaftern die Harmonie mit den Dorfbewohnern wichtig. Auch wenn Naturschutz oberflächlich betrachtet nicht unbedingt ökonomisch sei, betrachte er Artenvielfalt als eine Art Imagekampagne. Verantwortungsvolle Landwirtschaft werde in der Bevölkerung wohlwollend zur Kenntnis genommen. „Wir bewegen hier 10.000 Tonnen hin und 10.000 Tonnen her. Bei so einem Güterverkehr ist nicht jeder Tag schön für die Anwohner.“ Blühende Pflanzen, und seien es Kornblumen, seien als „Maßnahme für den Seelenfrieden“ einsetzbar.
Forderung nach fairer Vergütung
Die meisten Landwirte seien aufgeschlossen für Naturschutz und bereit, einiges dafür zu tun, so Gemballa. Mehraufwand und Ernteeinbußen müssten aber vergütet werden. „Wir müssen auch Pacht bezahlen oder Eigentum verzinsen. Wenn das nicht finanziert wird, wird es ganz dünn.“ Auf „Sonntagsreden“ von Politikern über das, was Landwirte alles können, sollen und müssen, reagiere seine Zunft allergisch. Kommunikation zwischen Bauern, Naturschützern, Politikern und Bevölkerung sei hingegen wichtig und „öffnet Horizonte“.



