Einzigartiges Winterquartier: Hunderte Fledermäuse schlummern in alter Brauerei
Fledermäuse überwintern in alter Brauerei in Frankfurt (Oder)

Ein Schatz unter Tage: Das geheime Winterquartier der Fledermäuse

Mitten in Frankfurt (Oder), verborgen in den tiefen Kellern der ehemaligen Ostquell-Brauerei, schlummern Hunderte Fledermäuse ihren Winterschlaf. Dieses einstige Bierproduktionsgelände hat sich zu einem der bedeutendsten Winterquartiere Deutschlands entwickelt, das sogar internationale Anerkennung genießt. Nur einmal im Jahr dürfen Besucher einen Blick auf die schlafenden Tiere werfen, darunter das Große Mausohr und andere seltene Arten.

Ein Refugium mit idealen Bedingungen

Norbert Bartel, der das Revier seit 1990 ehrenamtlich betreut, erklärt die Besonderheiten dieses Ortes: „Hier herrscht eine fast hundertprozentige Luftfeuchtigkeit und es bleibt stets frostfrei. Für Fledermäuse sind das ideale Bedingungen.“ In diesem Jahr zählte er etwa 800 Fledermäuse, davon rund 300 Große Mausohren. Jede Woche steigt Bartel in die zehn bis 15 Meter tiefen Kellergewölbe hinab, um nach dem Rechten zu sehen. Die Geschichte des Geländes ist bewegt – von Kindern, die kokelten, über Zigarettenschmuggler bis hin zu gescheiterten Bauplänen eines Investors. Heute gehört das Areal der Stiftung Euronatur und steht unter besonderem europäischem Schutz.

Hotspot für seltene Arten

In Deutschland kommen aktuell 25 von weltweit etwa 1.500 Fledertierarten vor, wie Markus Melber vom Bundesverband für Fledermauskunde berichtet. In Frankfurt (Oder) wurden in den vergangenen Jahren gut ein Dutzend Arten gesichtet. Thomas Frey, Sprecher des Landesamts für Umwelt, betont: „Für das Große Mausohr ist es eines der größten bekannten Überwinterungsquartiere Deutschlands überhaupt.“ Vergleichbare Winterquartiere in urbanen Räumen sind selten, etwa die Zitadelle Spandau oder große Wasserwerke in Berlin.

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Rätselhafter Rückgang der Wintergäste

Doch es gibt besorgniserregende Entwicklungen. Viele Jahre lang zählten Ehrenamtliche etwa 2.000 überwinternde Tiere, doch seit 2017/18 ist ein Rückgang zu verzeichnen, der in den letzten Jahren stärker wurde. Norbert Bartel sieht verschiedene Faktoren: „Es ist nicht so richtig klar, woran es liegt – wahrscheinlich greift ein ganzes Bündel an Ursachen ineinander.“ Dazu gehören ein verändertes Wassermanagement im Gebäude, dichtere Bebauung der Einflugschneise aus Polen und der Insektenschwund, der den Tieren Nahrung entzieht.

Christian Voigt, Fledermausforscher vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung, hält den Rückgang für alarmierend, da er dem bundesweiten Trend widerspricht. Er weist auf die Dachsanierung hin: „Maßnahmen, die direkt am Quartier ergriffen werden, können sich massiv auf das Mikroklima auswirken, die Luftfeuchtigkeit ist entscheidend.“ Bartel plant, das Wassermanagement noch zu optimieren.

Deutschlandweite Erholung und neue Bedrohungen

Generell befinden sich die Fledermausbestände in Deutschland noch immer in einer langen Erholungsphase, nachdem in den 1960er und 70er Jahren Giftstoffe wie DDT zu massiven Einbrüchen führten. Voigt erklärt: „Ein Weibchen bringt nur ein bis zwei Jungtiere im Jahr zur Welt – wenn so ein massiver Bestandseinbruch passiert ist, dauert es mehrere Jahrzehnte, bis man wieder bei normal angekommen ist.“ Bei gut überwachten Arten, die in unterirdischen Quartieren überwintern, sind steigende Zahlen erkennbar.

Doch es gibt auch Sorgenkinder: Arten wie die Mopsfledermaus oder die Bechsteinfledermaus, die auf Wälder angewiesen sind, leiden unter der Intensivierung der Waldbewirtschaftung. Zudem beobachtet Voigt rätselhafte Rückgänge beim Grauen Langohr und der Teichfledermaus. Ein weiteres Problem sind wandernde Fledermausarten, die an Windkraftanlagen sterben. Voigt warnt: „Wir haben im Schnitt zwölf bis 14 tote Fledermäuse pro Anlage und Jahr zu verzeichnen – bei 30.000 Anlagen kommt eine stattliche Summe zusammen.“ Nur etwa ein Drittel der Anlagen verfügt über Schutzmaßnahmen.

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Gefahren durch menschliche Aktivitäten

Neben Windrädern setzen auch andere Faktoren den Fledermäusen zu: Quartierverlust durch Gebäudesanierungen, Lichtverschmutzung, Insektenschwund und Störungen in Winterquartieren. Freizeittrends wie Lost-Places-Touren oder Geocaching können überwinternde Tiere aufwecken, was lebenswichtige Energie kostet. Bartel und seine Mitstreiter setzen sich daher für den Schutz dieses einzigartigen Quartiers ein, das als Edelstein in der Landschaft gilt.

Die Alte Brauerei in Frankfurt (Oder) bleibt ein Symbol für den Artenschutz – ein Ort, wo Geschichte und Natur aufeinandertreffen und wo der Kampf um den Erhalt der Biodiversität täglich geführt wird.