Bangkoks urzeitliche Bewohner: Bindenwarane erobern den Großstadtdschungel
Mitten in der pulsierenden Millionenmetropole Bangkok begegnen Jogger, Tai-Chi-Enthusiasten und Touristen regelmäßig lebenden Fossilien. Bindenwarane, bis zu zwei Meter lange Riesenechsen, haben sich den urbanen Raum erobert und sind längst zu einer ungewöhnlichen Attraktion geworden. Besonders im Lumphini-Park, der grünen Lunge der thailändischen Hauptstadt, leben Hunderte dieser urzeitlichen Reptilien in unmittelbarer Nachbarschaft zu Menschen.
Ein gescheiterter Umsiedlungsversuch
Vor genau zehn Jahren unternahmen die Behörden einen ambitionierten Versuch, die Waran-Population im Lumphini-Park zu reduzieren. Im Jahr 2016 beschlossen sie, einen Teil der Tiere in ein Reservat außerhalb der Stadt umzusiedeln, nachdem sich Jogger und Radfahrer wiederholt über die plötzlich auftauchenden Echsen beschwert hatten. Doch die Aktion entwickelte sich zum Fehlschlag.
„Die Fangmaßnahmen fanden erst statt, nachdem die Tiere bereits ihre Eier abgelegt hatten“, erklärt Reptilienexperte Michael Cota vom thailändischen National Science Museum. „Zudem wurden vor allem die größten Exemplare entfernt. Da größere Warane kleinere Artgenossen fressen, hatten die Jungtiere plötzlich deutlich weniger natürliche Feinde.“ Das Ergebnis: Der Park ist heute wieder fest in schuppiger Hand, mit einer sogar gewachsenen Population.
Intelligente Überlebenskünstler
Bindenwarane (Varanus salvator) zählen zu den intelligentesten Reptilien weltweit. „Es gibt dokumentierte Hinweise darauf, dass sie zählen können und mentale Karten ihres Reviers erstellen“, berichtet Cota, der sich auch in der Fachgruppe für Warane der Artenschutzkommission engagiert. Die Tiere bevölkern unseren Planeten bereits seit vielen Millionen Jahren und haben sich erstaunlich gut an das urbane Leben angepasst.
Im Lumphini-Park finden die Warane einen reich gedeckten Tisch vor. Besucher füttern regelmäßig Fische, was zu einer Überpopulation führt – und damit zu einem üppigen Nahrungsangebot für die fleisch- und aasfressenden Echsen. Selbst zwischen Zivilisationsmüll stöbern sie frühmorgens nach essbaren Abfällen, ohne sich dabei stören zu lassen.
Faszination und Respekt
Für internationale Touristen sind die Begegnungen mit den Riesenechsen oft ein Highlight. „Sie sehen irgendwie aus wie kleine Godzillas“, schwärmt die Berlinerin Annika, die regelmäßig in Thailand Urlaub macht. „Wenn sie dann doch plötzlich ins Wasser schnellen, merkt man erst, was für eine enorme Kraft in ihnen steckt.“
Experten betonen jedoch, dass Respekt angebracht ist. „Wenn ein Waran sich aufrichtet oder seinen Kehlsack aufbläht, fühlt er sich bedroht und warnt“, erklärt Cota. Zwar könne man die Tiere mitunter aus nächster Nähe fotografieren – berühren sollte man sie jedoch keinesfalls. Die Warane verfügen über scharfe Krallen und sollten in Ruhe gelassen werden.
Unterschied zu gefährlichen Verwandten
Im Gegensatz zu ihren indonesischen Verwandten, den Komodowaranen, sind Bindenwarane für Menschen grundsätzlich ungefährlich. Komodowarane verfügen über giftigen Speichel, enorme Beißkraft und scharfe Krallen, die potenziell lebensgefährlich sein können. Die Bangkoker Warane dagegen betrachten Menschen nicht als Beute und zeigen sich bei respektvollem Abstand friedlich.
Ein Nutzer im Forum „Thailand Travel Advice“ bringt die Faszination auf den Punkt: „Ihnen zuzusehen wirkt auf seltsame Weise beruhigend: Keine Hast, keine Angst – nur eine Überlebenskunst, die über Millionen von Jahren perfektioniert wurde.“ Die Riesenechsen sind weder Schreckgespenster noch Streichelzoo, sondern unverwüstliche Mitbewohner im Großstadtdschungel, die ihre urzeitliche Anmut in die moderne Metropole tragen.



