Falknerei in Mecklenburg-Vorpommern: Eine traditionelle Jagdkunst erlebt ihre Renaissance
Die Falknerei blickt auf eine jahrhundertealte Tradition zurück, die heute in Mecklenburg-Vorpommern eine bemerkenswerte Wiederbelebung erfährt. Gerd Borgwardt aus Demmin widmet sich seit vielen Jahren mit Leidenschaft der Beizjagd, bei der Greifvögel wie Falken zur Wildjagd eingesetzt werden. Auf seiner Anlage beherbergt er vier Wanderfalken, von denen zwei für die Jagd abgerichtet sind und zwei der Zucht dienen.
Von der DDR-Zeit bis zur Wiedervereinigung: Ein schwieriger Weg
Begonnen hat Borgwardts Engagement bereits 1976, als er durch seinen Schwiegervater, der eine Schliefanlage für Jagdhunde betrieb, mit der Falknerei in Berührung kam. Die Begegnung mit dem Falkner Friedrich Jabs, der damals Habichte für die Jagd abrichtete, entfachte seine Faszination. „Ich war begeistert und entschied mich, mitzumachen“, erinnert sich Borgwardt.
Im Mai 1978 legte er die Jagdprüfung ab, gefolgt von der Falknerprüfung im Herbst desselben Jahres. Doch zu DDR-Zeiten gestaltete sich die Falknerei schwierig, da Falken nahezu ausgestorben waren und nur mit Habichten gejagt werden konnte. Erst nach der Wende eröffneten sich neue Möglichkeiten: 1992 trat Borgwardt in den deutschen Falkenorden ein und erwarb 1993 von einem Allgäuer Falkner ein Falkenweibchen.
Die Kunst der Beizjagd: Training und Tradition
Die Jagd mit Wanderfalken unterscheidet sich grundlegend von der mit Habichten und erfordert intensive Vorbereitung. Borgwardt erklärt: „Bevor ein Falke in die Luft gelassen werden kann, muss er auf das ideale Jagdgewicht gebracht werden.“ Beim männlichen Vogel, dem Terzel, liegt dieses bei 700 Gramm, beim weiblichen Vogel, dem sogenannten Weib, bei 1000 Gramm.
Das Training umfasst mehrere Schritte:
- Anlegen der Lockschnur, um den Reflex des Falken zu schulen, auf die Faust des Falkners zu fliegen
- Einführung einer Beuteattrappe und Gewöhnung an die Stimme des Falkners durch eine Schutzhaube
- Erste Übungsflüge im freien Gelände mit einer langen Schnur
- Erster Freiflug mit einem Sender auf dem Rücken des Vogels
Historische Bedeutung und UNESCO-Anerkennung
Die Falknerei hat über Jahrhunderte hinweg eine große Rolle im Jagdwesen gespielt, besonders beim Adel. Kaiser Friedrich II. (1194-1250) aus dem Adelsgeschlecht der Staufer war einer der bedeutendsten Falkner, und sein Werk „De arte venandi cum avibus“ gilt noch heute als wichtiges Nachschlagewerk.
Erstaunlicherweise wurde die Falknerei in der DDR nicht als feudales Überbleibsel angesehen, sondern als Teil des nationalen Kulturerbes gepflegt. 2021 erreichte sie internationale Anerkennung: Die UNESCO erklärte sie zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit, unterstützt von Ländern wie Marokko, Portugal, Deutschland, Polen, Saudi-Arabien, der Mongolei und Südkorea.
Aktuelle Herausforderungen und Engagement
In Mecklenburg-Vorpommern beginnt die Jagdsaison im September und dauert bis Mitte Januar. Borgwardts Revier erstreckt sich um die Tollense und anliegende Gräben, wo seine Falken Stockenten jagen. Als einer von 37 Falknern im Bundesland ist er auch als Prüfer für Neueinsteiger tätig.
Darüber hinaus engagiert er sich in der Horstsuche für Seeadler, Fischadler und Wanderfalken sowie in Beringungsaktionen. „Die größten Gefahren für unsere Vogelwelt sind die Vogelgrippe und die mittlerweile große Zahl an Windrädern“, warnt Borgwardt.
Auf die Frage nach seinen schönsten Erlebnissen antwortet er: „1995 begann der Landesjagdverband mit der Auswilderung von Wanderfalken in Bäumen. Damals bin ich noch selbst hochgeklettert. Als ich dann im Jahr 2000 ein erstes baumbrütendes Falkenpaar in einem Kunsthorst beobachtete, schlug mein Herz schneller.“



