Wale im Wandel: Ältere Männchen gewinnen bei Erholung der Population
Der intensive Walfang hat zahlreiche Walpopulationen in der Vergangenheit an den Rand des Aussterbens gebracht. Doch langsam erholen sich die Bestände wieder – und diese Erholung verändert offenbar auch das Verhalten der Tiere auf faszinierende Weise. Eine neue Studie zeigt, wie sich insbesondere ältere Wal-Männchen erfolgreicher fortpflanzen können, wenn die Population wächst.
Veränderte Altersstruktur bei Buckelwalen
Forschende haben im Fachblatt »Current Biology« ihre Untersuchungen zu 485 männlichen Buckelwalen (Megaptera novaeangliae) vor Neukaledonien im südlichen Pazifik veröffentlicht. In dem Zeitraum von 2000 bis 2018 beobachteten sie deutliche Veränderungen in der Altersstruktur der Tiere. Zu Beginn der Studie gab es viele junge und weniger ältere Wale, doch mit der Zeit glich sich das Verhältnis zwischen jungen und älteren Tieren an.
Parallel dazu erholte sich der Bestand deutlich: Waren es anfangs noch wenige Tiere, so wurden es im Untersuchungszeitraum immer mehr. Diese Erholung bietet den Wissenschaftlern eine einzigartige Gelegenheit, evolutionäre Prozesse bei den Tieren zu verstehen, die durch die frühere Ausbeutung beeinflusst wurden.
Fortpflanzungstaktiken im Wandel
Die Forschenden machten eine besonders interessante Entdeckung: Das Paarungsverhalten der Wale veränderte sich mit der wachsenden Population. Insbesondere bei den älteren Tieren beobachteten sie vermehrt zwei wichtige Fortpflanzungstaktiken:
- Häufigeres Singen
- Begleitung von Weibchen durch Herumschwimmen
Überraschenderweise wurden diese Verhaltensweisen nicht vorrangig bei Jungtieren beobachtet, sondern ausgerechnet bei den vergleichsweise älteren Männchen. Dieser Verhaltenswandel ging mit einem deutlichen Anstieg des relativen Fortpflanzungserfolgs der ältesten Männchen einher.
Erfolgreiche ältere Männchen
»Als sich die Population erholte, sangen, begleiteten und paarten sich, verglichen mit jüngeren Tieren, mehr ältere Männchen als erwartet mit Weibchen und zeugten erfolgreich Kälber«, erklärt die leitende Autorin Ellen Garland von der Sea Mammal Research Unit in Schottland. Die Studie zeigt damit, dass sich Walpopulationen nicht nur durch den Walfang verändern, sondern auch während ihrer Erholung weiterentwickeln.
Co-Autorin Franca Eichenberger betont die Bedeutung dieser Erkenntnisse: »Praktisch alle Walpopulationen haben sich aufgrund des Walfangs verändert; unsere Arbeit zeigt, dass sie sich auch während ihrer Erholung weiter verändern. Deshalb ist die langfristige Überwachung zuvor ausgebeuteter Walpopulationen so wichtig.«
Internationale Walfang-Situation
Seit 1986 soll eigentlich ein weltweites Walfangverbot die bedrohten Tiere schützen. Doch drei Länder halten sich nicht an diese Vereinbarung: Neben Island und Japan erlaubt auch Norwegen weiterhin den Fang von Walen, was von Tierschützern heftig kritisiert wird. Die aktuelle Studie unterstreicht, wie wichtig der Schutz der sich erholenden Populationen ist, um ihr natürliches Verhalten und ihre evolutionäre Entwicklung zu ermöglichen.
Die Forschenden sehen in der aktuellen Situation eine große Chance: »Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, an dem wir so viel mehr über ihr Verhalten und ihre Lebensgeschichte lernen können. Wir müssen nur weiter beobachten.« Die Erholung der Walbestände bietet damit nicht nur Hoffnung für den Artenschutz, sondern auch wertvolle Einblicke in das komplexe Sozialverhalten dieser faszinierenden Meeressäuger.



